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Der Verzweifelte und das Licht - die Geschichte eines Mannes


Glasherz
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Glasherz

Kapitel I

Meine Augen öffnen sich langsam... habe ich geschlafen? Sie brennen und ich merke die salzigen Wege meiner Tränen auf den Wangen. Auf dem Tisch eine abgebrannte Kerze, ein leeres Päckchen Zigaretten, ein voller Aschenbecher und eine angebrochene Packung Tabletten neben ein paar Kekskrümeln. Es ist 2:39 Uhr mitten in der Nacht. Es ist niemand da. Die freie Betthälfte ist kalt, das Fenster gekippt. Ich gehe ans Fenster. Es ist totenstill. Ich höre nur das Brummen meines Kühlschranks und in der Ferne höre ich ein paar Autos auf der Hauptstraße. Ich blicke auf den Tisch, da stehen meine Kopfhörer und der MP3 Player. Beide nehme ich in die Hand und setze mich auf mein Bett, im Schneidersitz sitzend, weil der Boden eisig kalt ist. Ich zerknülle das Zigarettenpäckchen und stapel die Teller übereinander. Kaum drücke ich den Playbutton halte ich den Atem an: "Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Haben Wir dir nicht deine Brust geweitet, dir deine Bürde abgenommen, die schwer auf deinem Rücken lastete, und dein Ansehen erhöht? Also, wahrlich, mit der Drangsal geht Erleichterung einher. Ja, mit dem Schweren kommt die Erleichterung. Also, wenn du mit allem fertig bist, dann mühe dich ab. Und nach deinem Herrn richte dein Begehren aus." Ich fühlte nichts als Bedrängnis, als ob eine riesige Hand mich umschlingt, zerdrückt um mir die Tränen aus den Augen zu drücken. Ich wartete nur noch darauf, das meine Augen Blut weinten. Mein Herz schmerzte, als wären meine Rippen gebrochen und sich in mein Herz bohren. Und doch sass ich nur da... doch warum weinte ich? Meine Gedanken verliessen den Raum. Es war, als ob nur noch meine leere Hülle im Raum war, die Kopfhörer auf dem Tisch und nichts zu hören als die Stimme des Rezitators. Die Sure wiederholte sich immer wieder. Aber ich war nicht da um sie zu hören. Nein ich war bei ihr... Ich war mit ihr am Bahnhof, da wo sie mich verabschiedet hat und weinte, weil sie mich nicht loslassen wollte 380km weiter weg. Im nächsten Moment stieg ich in den Zug ins Verderben. Denn der Bahnhof war nur eine Illusion, es war ein Sprungbrett ins Feuer. Was ist nur aus mir geworden? Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Niemand versteht, was in mir passiert. Sie sehen nur die äußere Fassade: Ein Mann in den besten Jahren, gesund, gebildet, hat einen guten Job, kleidet sich gut, ist gut zu seinen Mitmenschen, hat eine Wohnung und ist ein gläubiger Mann. Sie sehen die Schwäche dahinter nicht. Sie sehen weg, reden meine Probleme klein. Haben sie etwa vergessen, dass ich ihre Probleme ernst genommen habe, als sie mich um Rat gebeten haben obwohl ich ein Aussenstehender bin? Was ist aus mir geworden? Mein Glaube ist schwach. Ich kenne meine Pflichten, aber es ist als wäre eine Glaswand zwischen mir und dem Gebetsraum einer Moschee. Dabei war ich auf dem Weg der Besserung... ich erinnere mich, als ich die Ehe verlassen habe weil ich um meinen Glauben gefürchtet habe. Wie sehr habe ich mich gefangen... oh man. Ich suchte helfende Hände, die mir aus dem Tief heraushelfen und Allah erleuchtete mir einen Weg, sie zu finden. Doch alle halfen mir ein Stück auf und gingen wieder. Keiner ist geblieben. Damals habe ich mich entschieden zu heiraten um meine eigene Familie zu gründen. Eine liebevolle Ehefrau, 2, vielleicht 3 Kinder, alle so gottergeben, dass wir nichts brauchen. Denn wenns im Winter kalt ist haben wir uns auf die Couch eingemummelt und uns vor dem Fernseher warm gehalten. Schön waren diese Vorstellungen... aber leider nie real geworden. Es war schlimm. Schon die Hochzeitsplanung, die Diskussionen, dieser unglaubliche Irrealismus... "ich will dieses und jenes und das und dieses muss sein". Wer soll das bezahlen? Ich?? "Willst du eine bent Nas oder eine Schlampe? Ich heirate nur einmal im Leben und das ist mein Tag!". Ja das stimmt. Es war ihr Tag. Ich war nur Gast auf meiner eigenen Hochzeit. Was hab ich mir dabei gedacht mich darauf einzulassen? Ich wollte den Diskussionen aus dem Weg gehen und hab sie einfach machen lassen. Das Ergebnis war Stress pur. Freude empfand ich nicht. Selbst die Hochzeitsfotos geben das wieder. Ich muss zugeben ich habe die Fotos seit diesem Tag auch nicht mehr angesehen obwohl es Jahre her ist, so angewidert war ich von dem Anblick... Denn ich hatte mir ein etwas islamischeres Ambiente gewünscht. War das nicht der Grund, warum ich eine Muslima heiraten wollte? Warum hab ich nicht drauf bestanden und mich durchgesetzt? Ich war dumm... naiv... und lethargisch, wählte den einfachsten Weg. Aber man sollte aus Fehlern lernen. Und so stand ich auf und ging weiter, immer dem Licht folgend. Ich sehe mich immer als Blinden, der einen Qur'an in Blindenschrift als Wegweiser in der Hand hält und trotzdem an dem ein oder anderen Wegpunkt nicht "der Karte" sondern seinem eigenen Kopf folgt. Ist der Teufel so präsent? Hat er so viel Macht über mich? Wie kann das sein? Bin ich nicht gläubig? Gedenke ich nicht in allem, was ich tue Allah, dem Erbauer? Und doch fühlt sich mein Herz schwer an.

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Glasherz

Kapitel II

Was ist nur aus mir geworden... dachte ich mir und öffnete meine Augen wieder. War ich eingeschlafen? Nein. Wieder war ich nur in Gedanken abwesend. Der MP3 Player und die Kopfhörer lagen immer noch auf dem Tisch und ich hörte den Rezitator leise die göttlichen Worte lesen. Ich schaue auf die Uhr, 3:50 Uhr... fast 1,5 Stunden war ich wachträumend, selbstbemitleidend. Ich ging ins Bad, versuchte mir den Schlaf aus dem Gesicht zu wischen, mich aufzurappeln. Das kalte Wasser blieb mir im Bart und den Wimpern hängen und perlte langsam ab. Ich sieh mich im Spiegel und sah direkt wieder runter. Ich konnte mir nicht selbst in die Augen sehen. Schämte ich mich dafür, dass ich kein Arschloch bin. Denn Arschlöcher sind nie einsam. Es gibt immer Frauen, die an ihnen hängen, für sie da sind. Nur ich bin allein. Ich nehme mir eine Decke und gehe trotz der eisigen Kälte auf den Balkon. Die Welt steht still. Und doch weiss ich läuft die Sanduhr meines Lebens weiter. Ich denke an Menschen um mich herum. Viele teilen mein Schicksal, haben sich getrennt, geschieden, leben alleinerziehend, wollen sich binden aber irgendwie schafft es niemand uns die Angst zu nehmen. Und selbst wenn es dann jemand schafft, kommt es nicht zu einer gemeinsamen Zukunft. Entweder sind es die Familien, die Umstände oder man wird einfach als Zeitvertreib benutzt und liegen gelassen. Es ist doch so: ergreife Kontrolle über das Herz und du kannst mit dem Opfer machen, was du willst. So grausam und schäbig dieser Satz klingt, ist er doch war. Die Kälte steigt immer weiter meinen Körper hinauf, meine Gedanken sind immer noch bei meinen Versuchen wieder glücklich zu werden. Ich habe gelernt, dass es die perfekte Frau nicht gibt. Aber ich will gar keine perfekte Frau! Ich weiss was ich will? Ja! Das tue ich! Ich merke, wie sich bei diesen Gedanken mein Gesicht verzieht und die Wut in mir aufkommt. Denn ich bin zu deutsch für eine Marokkanerin, zu islamisch für eine Deutsche und zu westlich für eine gläubige Muslimin. Ich weiss was ich will aber nicht wohin ich gehöre. Welche Schublade ist nun meine? Welches Fach? Welche Gesellschaft? Die Kälte erreichte meine Knie und meine Fusszehen wurden Taub. Also ging ich wieder hinein, nahm eine Tafel Schokolade aus dem schrank und setzte mich wieder hin. Ich öffnete die Schachtel, brach ein Stück ab, mit dem Gedanken nur dieses Stück zu essen... bis nur noch die Krümel übrig waren. Bin ich verflucht? Nein... ich lebe. Gott sei Dank ich lebe noch. Ich stellte mich unter die Dusche um mir die Kälte vom Körper zu waschen. Lange ließ ich das Wasser einfach von Kopf bis zum Fuß laufen... gefühlt habe ich mir den Schmutz aus dem Herzen gewaschen. Mein Augen weinten, ich hörte wie sich mein Winseln durch das Bad schallte. Das ganze Bad füllte sich mit Dampf durch das heisse Wasser und das kalte Badezimmer. Ich nahm den Rasierer in die Hand und reinigte mich. Als neuer Mensch soll ich das Bad verlassen. Ich führte die Waschung für das Gebet durch und pünktlich zum Sonnenaufgang hatte ich meinen Gebetsteppich und mein marokkanisches Gewand aus einem der vielen noch unberührten Kartons herausgesucht. "Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem verräterischen Satan, im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen..." Mein ganzer Körper bebte, ich fühlte mich plötzlich leicht wie eine Feder. Das Wasser der Gebetswaschung war nicht ganz getrocknet und gab mir ein Gefühl der Frische und Ausgeglichenheit. Ich fuhr fort "Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen..." ich musste so weinen, dass ich meinen Mund nicht verschlossen halten konnte und fast schon sabberte... "dem Herrscher am Tage des Gerichts. Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe..." ich schloss meine Augen und holte tief Luft mit dem Gedanken, wann ich Gott das letzte mal um Hilfe gebeten habe... zu lange her... meine Tränen mehrten sich. Es war als würde mein Herz mit einem Dampfstrahler gereinigt werden und das Abwasser fließt durch die Augen nach Aussen. Nach einigen Sekunden des stillen schluchzends fuhr ich mit zitternder und verweinter Stimme fort: "Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht den Weg derer, die Deinen Zorn erregt haben, und nicht den Weg der Irregehenden. Amen" Meine Gedanken waren wie zurückgesetzt. Als ob mich ein Blitz getroffen hat, der einen Riss in das Eis gebrochen hat. Wo war ich die letzten Jahre? Wie habe ich gebetet, dass ich mein Gebet nie so wahrgenommen und nie von Herzen gesprochen habe? Ich hatte sie in meinem Herzen, die mein Vertrauen nicht verdient hat und habe den Thron in meinem Herzen nicht für Den freigelassen, der mich geschaffen hat und mir einen guten Platz in dieser Welt gab. Ich war meinem Arbeitgeber dankbar, dass er mir einen Job gegeben hat statt Gott dafür zu danken, dass er mich zu dieser Stelle geführt hat und mir die Erlaubnis gab meinen Anteil dort zu verdienen. Mein Leben änderte sich in diesem Moment grundlegend. Und doch blieb ein gewisser Schmerz in mir. Es war als wurde das Feuer gelöscht aber im inneren glimmte es noch etwas. Es war die Einsamkeit. Sie glimmte noch und hat die Möglichkeit jederzeit wieder einen Brand zu entfachen. Aber was sollte ich dagegen tun? "Ich könnte mich auf einem der hiesigen Portale umsehen. Vielleicht finde ich ja jemanden, der so tickt wie ich."

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Glasherz

Kapitel III

So ging ich die Sache an und statt mich wieder hinzulegen und ein paar Stunden zu schlafen hab ich ein Profil erstellt und mit einigen Infos über mich gespickt. Aber man will ja anonym bleiben, besteht ja die Möglichkeit, dass dich jemand aus der Familie findet und darauf reagiert. Allein dieser Gedanke, dass mich meine Schwester oder eine meiner Cousinen, Bekannten, was auch immer erkennen könnte widerte mich an. Schon in den Minuten danach bekam ich erste Nachrichten und mit jeder Stunde kamen welche hinzu. Teilweise Lob, teils Kritik oder aber auch nur ein "Hey wie gehts?". Was soll ich darauf antworten? Man merkte allerdings in vielen Nachrichten, wie wenig gelesen wurde. Es ist als wären all die negativen oder unangenehmen Aspekte mit einem weissen Stift auf ebenso weissem Papier geschrieben gewesen und einfach ignoriert worden. So blieben die meisten Nachrichten unbeantwortet. Aber auch die beantworteten Nachrichten konnten mein Interesse nicht wecken. Zu frisch waren die Wunden der letzten Liebe. Also wandte ich mich ab und meldete mich überall ab. So vergingen Wochen im Alltag. Arbeit, Sport, Moschee, Gebet, Schlaf, Arbeit und so weiter. Bis ich an einem Tage einen Muslim kennenlernte. Es war reiner Zufall. Er sprach mich mit "Friede sei mit dir" an und fragte mich nach einer Moschee in meiner Stadt. Ich erklärte ihm den Weg und er sagte mir, daß er neu in der Stadt ist und sich nicht auskennt. Wir kamen ins Gespräch und sprachen eben auch über das Thema Ehe und Frauen. Auch er war geschieden. Allerdings suchte er den Neustart in einer fremden Stadt, abseits von allem was er kennt. Wir tauschten Nummern und wurden gute Freunde, wofür ich Gott sehr danke. Er war sehr gläubig aber nicht so streng, somit konnte ich mit ihm wirklich über alles sprechen, was ich auch tat. Als ich ihm sagte, dass ich Facebook, MarocZone und Co. nutzte sagte er zu mir: "Stelle dir vor, du lernst eine Frau dort kennen. Ihr heiratet, bekommt Kinder, dann triffst du eine, die dich auf der Straße erkennt, weil dein Foto drin ist. Und was weiss sie von dir? Wo du herkommst, was du so machst, was du denkst und so weiter. Würdest du eine Frau wollen, die jeder Mann kennt oder erkennt?" Sofort überkam mich ein kalter Schauer und ich deaktivierte, löschte oder anonymisierte alle meine Profile...

Ich fühlte mich schlecht, ein Gefühl der Schwere lag auf meinem Bauch. Er hatte Recht. Wenn meine Fotos im Internet bleiben wird man mich kennen und einige Dinge über mich wissen, die eigentlich nur meinen Engsten gedacht sind. Der Rückzug fiel mir schwer. Ständig das Handy in der Hand, die Gelüste zu wissen was andere schreiben und machen. Was ist das für eine Krankheit? In den Tagen und Wochen darauf habe ich festgestellt, dass die "sozialen Netzwerke" alle sozialen Kontakte zerstört haben. Ich war bei alten Schulfreunden eingeladen zum Essen, es sollte ein lustiger Abend werden, doch von den 5 Stunden, die wir versammelt waren hatte jeder 3 Stunden sein Handy in der Hand... Ist das die neue moderne Gesellschaft? Fluch über sie... das dachte ich jedes mal, wenn ich in der U-Bahn saß und wirklich jeden mit dem Handy in der Hand sah, selbst wenn ich mich selbst dabei erwischte. Mein Vertrag lief aus, neue Nummer neues Glück? Ich gebe sie einfach nur denen, die mir etwas bedeuten, den Rest lasse ich hinten herunterfallen... Gesagt, getan... aber weshalb? Ist es um mein Gewissen rein zu waschen? Jedes mal wenn ich den Kopf auf dem Boden legte bat ich Gott um Rechtleitung. Oft verharrte ich einige Minuten im Gebet. Und doch kam es mir vor wie Sekundenschlaf: Meine Gedanken waren nicht im Raum sondern klebten in der Vergangenheit. Immer wieder suchte ich im Dunkeln nach Antworten, vielleicht aus Mangel an Gottvertrauen, vielleicht aus Fehlersuche, vielleicht aber auch nur um meinen Schmerz aufrecht zu erhalten. Mein Urlaub ist rum. Denke ich zurück frage ich mich, warum ich mir die Tage überhaupt frei genommen habe... 35 eMails, eigentlich geht das noch. So beginne ich meinen Tag und arbeite ab, was sich in 3 Wochen angesammelt hat. Ganz bei der Sache war ich aber nicht. Ich hatte so viele Fragen, die ich niemals jemandem in einem Gotteshaus stellen würde. Zu sehr würde ich mich schämen meine Gedanken auszusprechen. Ich könnte keine Frau heiraten, die ich nicht kenne, ohne sie zu küssen oder mit ihr zu schlafen. Mich plagten Gedanken: "Was würde passieren? Ich heirate eine hübsche Frau mit edlem Charakter. Ich küsse meine Braut nach der Hochzeit und empfinde nichts... keine Liebe, keine Leidenschaft, keine Gänsehaut, nichts. Ich würde sie womöglich verlassen. Habe ich meine Ehe mit einer keuchen Frau durch meine Zügellosigkeit verspielt? Ich weiss es nicht. Wie soll ich sie finden? Und wie kann ich sie heiraten, ohne sie zu lieben? Und selbst wenn ich sie liebe... meine Sehnsucht nach ihr würde wachsen und mich geisseln. Bin ich so verdorben? So demoralisiert? Eine Jungfrau habe ich nicht verdient. Gott sagt im heiligen Buch: "Ein Unzüchtiger darf nur eine Unzüchtige oder eine Götzendienerin heiraten, und eine Unzüchtige darf nur einen Unzüchtigen oder einen Götzendiener heiraten; den Gläubigen aber ist das verwehrt." Aber ich bin doch gläubig, oder?" Mein Kollege stand neben mir und packte mir auf die Schulter: "ist alles ok?" Ich war komplett weggetreten und fing an unhaltsam zu weinen. Er verstand es nicht und ich war nicht in der Lage es ihm zu erklären. Ich sagte nur, dass ich einen Moment alleine sein wollte und suchte mein Feuerzeug aus meiner Jacke. Es war eisig kalt draussen und regnete leicht. Doch es war nichts gegen die eisige Kälte und den Sturm an Gefühlen in mir. Ich hatte eine Kappe auf, damit es mir nicht in die Augen regnet und nahm einen Lungenzug nach der anderen, in der Hoffnung das Chaos in mir in die Zügel zu bekommen - fruchtlos. Nach 2 Zigaretten gab ich auf und warf das halbvolle Päckchen in den Müll. Ich war angewidert von dem Geruch, angewidert vom kalten Rauch, von meinen eigenen Fingern, nachdem ich geraucht habe. Wütend, gab ich so viel Geld für etwas aus, was mir nicht hilft. Zurück im Büro standen 2 Kollegen und mein Chef dort: "Ist alles ok? Kommste mal rüber?" Warum sollte ich mich ihm anvertrauen? Er wird mich nicht verstehen denn diese Probleme kennen nur die Betroffenen. "Danke, ich hab die Ereignisse nicht richtig verkraftet." - Er drückte mich leicht mit einem verständnisvollen Blick und legte mir nah, ich solle zum Arzt gehen und mir noch ein paar Tage frei nehmen, er selbst hat eine Scheidung hinter sich und weiss wie das ist. Ich war sprachlos, hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Chef mich zum Arzt schickt. Dankend nahm ich das Angebot an. Setzte eine Abwesenheitsnotiz rein, fuhr meinen PC herunter und nickte meinen Kollegen nur zu, sie wussten ich habe mich für das Verständnis bedankt doch ich konnte nicht sprechen. Ich wollte meinen Arzt nicht anrufen. Es ist Montag, bestimmt sehr voll dort. ich gehe erst mal nach hause und lege mich für einige Stunden schlafen.

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Glasherz

Kapitel IV

Als ich meine Augen öffnete war es schon dunkel. Mein Handy blinkte. Whatsapp, Sms, Anrufe, Emails. Habe ich so tief geschlafen? Das Mittags, Nachmittags- und Abendgebet verschlafen und zu lethargisch um aufzustehen. Wie programmiert bin ich aufgestanden und auf den Balkon gegangen, hatte ich doch vergessen, dass ich mein BigPack weggeworfen habe. So bin ich wieder rein, hab den Aschenbecher geleert und schließlich mit in die Mülltüte gelegt. Die Wohnung war Kernsaniert, als ich eingezogen war. Es roch noch nach "frisch renoviert" mit einer Mischung aus Febreze, einer roten Ikea Duftkerze und kaltem Aschenbecher...furchtbar! Ich nahm die Tüte aus dem Mülleimer und machte einen luftdichten Knoten rein. Der Ekel war gigantisch und ich ärgerte mich über mich selbst. Im Bad wusch ich mir die Hände, sah zu meiner Badewanne rüber und hätte lieber mal die Gebetswaschung durchgeführt. Doch der Teufel hatte mich in seinem Bann. Ich kehrte ins teilweise noch warme Bett und legte mir das Notebook auf den Schoß. Ich öffnete Facebook, überflog die Neuigkeiten, nichts spannendes. Ein Griff zur Fernbedienung, es war mir zu dunkel und still im Raum, so verschaffte ich mit dem Fernseher etwas Abhilfe. Kabel1, Achtung Kontrolle - Einsatz der Ordnungshüter. Eigentlich so gar nicht mein Fall aber da muss man nicht nachdenken, das passt. Ich aktivierte mein altes Profil bei Maroczone wieder und stöberte mich durch die Profile der Frauen, die mich auf die Anzeige hin angeschrieben haben. Einige habe ich beantwortet, aber meistens war nach ein paar Mails die Luft raus. Entweder sprachen wir nicht eine Sprache, oder sie waren zu jung/alt, zu weit oder teilweise noch verzweifelter als ich. bis auf wenige löschte ich alles unbeantwortet. Immer wieder kamen "hi, wie gehts?" Mails, Smalltalk, passt nicht. Danke und Tschüss. Einige interessante Unterhaltungen waren dabei. Aber immer waren die Gespräche vorerst positiv und nach und nach zeigten sich die Macken... noch verheiratet... 3 Kinder, Mann ist abgehauen... 2 gescheiterte Ehen... seltsame Hochzeitsvorstellungen...arrogante Zicken, die es nicht akzeptieren wollen, dass ich meinen eigenen Kopf und meine eigenen Erfahrungen habe. Es kristallisierte sich ein interessantes Gespräch heraus. Sie war jung, hatte Humor, Intellekt und das, was sie von sich gab hatte Hand und Fuss. Ich verspürte eine Euphorie, wenn ich sah, dass ich eine neue Nachricht hatte aber zeitgleich war mein Herz in Ketten gelegt. Ketten aus Misstrauen und Zweifel. Denn ich habe so auch sie kennengelernt, die mich in meinen Träumen noch heute vom Bahnhof aus ins Verderben verabschiedet hat. Innig war meine Liebe zu ihr. Ganz egal ob es ihr Duft, ihre samtweichen Lippen, ihre Stimme, ihre Worte, ihr Lächeln oder ihre großen Augen. Doch das wichtigste an ihr war vergiftet, denn vertrauenswürdig war sie nicht. Gott sei Dank, Der mich davor bewahrt hat mit ihr eine zweite Ehe scheitern zu lassen. Alles Lob gebührt Allah, gepriesen sei Sein Name. Ich widmete meine Gedanken wieder jenen Nachrichten und wir tauschten Rufnummern. Es fanden sich Zufälle, sie wohnte in der Gegend, in der ich einst gewohnt habe. Selbst die Haltestelle war die gleiche. Womöglich haben wir uns dort schon gesehen, nur habe ich keine andere Frau wahrgenommen solange SIE in meinem Herzen war. Wir schrieben eine ganze Weile noch hin und her, bevor sie mir ihre Nummer gab. Ich sah ihr Foto bei Whatsapp und dachte Wow... stark geschminkt und aber sehr hübsch. Es war kurz vor Mitternacht, meine Augen brannten, Neugier und Gedanken waren im Kopf eingesperrt aber mein Körper wehrte sich. Ich legte mich hin, wünschte ihr eine gute Nacht, vergass meine Gebete nachzubeten und schlief ein. Verdammt soll ich sein, habe ich meinen Schöpfer vergessen und der Versuchung des Teufels verfallen. Doch es sollte schlimmer kommen...

"Wer seine Gebete nicht bewahrt, für ihn gibt es kein Licht, kein Beweis und kein Grund mehr für seine Errettung.“ Das sind die Worte des Propheten, Frieden und Segen auf ihm. Gott sagt uns im heiligen Buch: „Dann aber kamen nach ihnen Nachfahren, die das Gebet vernachlässigten und ihren Gelüsten folgten. So werden sie den Lohn für ihre Verirrung finden;
außer denen, die bereuen und glauben und rechtschaffen handeln. Diese werden ins Paradies eingehen, und sie werden kein Unrecht erleiden“…

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Glasherz

Kapitel V

Am nächsten Morgen war sie mein erster Gedanke, so zögerte ich nicht ihr einen guten Morgen zu wünschen. Das Sonnenaufgangsgebet habe ich natürlich verschlafen. Was ist nur aus mir geworden? Wollte ich doch nach der Ehe einen Neubeginn und meine alten Sünden ruhen lassen, fing ich mit einer der größten an… Ich ignorierte mein Gewissen, war geblendet von dieser Frau. Den ganzen Tag schrieben wir hin und her. Es war ein gegenseitiges Ausfragen und Neugier erwecken. Und so dauerte es nicht lange bis ich ihr die Frage stelle, ob wir uns nicht treffen könnten. Nachdem ich ihr die Frage geschickt habe, konnte ich meine Augen kaum vom Handy weghalten, so gespannt war ich darauf, was sie wohl sagt. Dabei hätte ich den Tag längst beginnen sollen und den Arzt aufsuchen, der mir ein paar Tage frei bescheren sollte. Ich sah sie hat die Nachricht erhalten und im Display steht „schreibt…“. Ich fühlte eine Nervosität, als hätte ich ein Verbrechen begangen und würde darauf warten, dass ich entweder freigesprochen oder hingerichtet werden würde. Diese 5 Sekunden fühlten sich an wie 5 Stunden, bevor ein schnippiges „ja klar“ von ihr zurückkam. So verabredeten wir uns noch für den gleichen Tag. Ich sollte zu einer Haltestelle kommen und unten an der U-Bahn auf sie warten. Nachdem das geklärt war, stieg ich panisch aus dem Bett. Ein schneller Sprung unter die Dusche und los zum Arzt. Auf dem Weg dahin musste ich mir etwas einfallen lassen, weshalb ich den Krankenschein bekommen sollte. Sollte ich ihm erzählen ich hätte Rückenschmerzen? Er könnte mich zum Orthopäden schicken oder mir eine Spritze gegen Schmerzen verpassen, obwohl ich keine Schmerzen habe… nein das wollte ich nicht. Noch bis zur Praxistüre war ich überzeugt ihm von Kopfschmerzen zu erzählen. So blieb ich dann auch dabei und log den Arzt an. Er sagte mir, dass durch die Büroarbeit der Nacken oft verspannt ist und dadurch Kopfschmerzen entstehen können. Auch erzählte ich ihm von meinen Schlafstörungen und meiner inneren Unruhe. Ich bekam eine Empfehlung für ein Beruhigungsmittel und für die Nacht Tabletten, die mich entspannen sollten. Ich bekam eine Krankmeldung für die ganze Woche. Meine Erleichterung hielt sich in Grenzen. So ging ich eilig wieder nach Hause, suchte mir ein paar anständige Klamotten raus und bügelte sowohl mein Hemd als auch meine Jeans. Über 2 Stunden kümmerte ich mich nur darum, für das Date gut auszusehen. Was war es nur, was mich so an sie gebunden hat? Liebe konnte es nicht sein, kannte ich sie doch gar nicht. Aber trotzdem fühlte ich mich von ihr angezogen... Scheint als hätte mich der Teufel voll im Griff gehabt. Ich war überpünktlich am vereinbarten Treffpunkt und wartete dort auf sie. „ich bin schon da“ schrieb ich ihr und prompt rief sie mich an, dass sie sich etwas verspäten würde. Ich war nervös, innerlich unruhig, ich war mitten in der Stadt, man könnte mich hier mit ihr sehen aber ob das in einer Großstadt auffällt ist fraglich. Sie kam… schon aus der Ferne zauberte sie mir ein lächeln auf das Gesicht obwohl ich innerlich total verunsichert war. Gebe ich ihr nun die Hand, drücke ich sie? Zwei kleine Küsschen? Ich wusste es nicht und reichte ihr erst mal die Hand. Nach kurzem Smalltalk spazierten wir durch die Stadt in Richtung Rheinufer. Wir lachten viel, war sie doch eine schüchterne Frau mit wunderschönen Haselnussbraunen Augen. Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen, sie darauf anzusprechen, warum sie ihre natürliche Schönheit mit Make-Up so verhüllt. Das kam natürlich nicht gut an aber es interessierte mich nunmal. Aber mich wundert diese Tatsache sowieso, warum so viele Frauen sich das antun. Massenhaft Schminke, die Haare teils schwer angegriffen durch das Glätten, die Hautfarbe im Gesicht so unnatürlich und was auch immer man versucht zu verbergen, man sieht es trotzdem. Dabei ist es so unpraktisch, könnte ich sie nicht umarmen ohne Make-Up Flecken auf meinem weissen Hemd zu haben... es fing heftig an zu regnen, so suchten wir uns einen Platz zum unterstellen und redeten eine ganze Weile über die vielen gescheiterten Ehen, die Ursachen, unsere komischen Mitmenschen... doch die Zeit blieb nicht stehen. So brachte ich sie durch den Regen zurück zur U-Bahnstation und nahm meine Bahn nach Hause. Es war ein schöner Abend. Zuhause angekommen nahm ich mir einen Joghurt aus dem Kühlschrank und setzte mich auf mein Bett, wieder mit dem Notebook in der Hand, ihr Profil lesend. Skepsis füllte meinen Geist mit jeder Zeile, die ich von ihrem Profil las. Ich wollte mich nicht wieder blenden lassen denn ich erinnere mich gut an die Schönheit derer, die ich einst wirklich liebte. Wir schrieben uns noch den Rest des Abends und flirteten bis zum "gute Nacht". Eine wirklich total Liebe mit großem Herzen. Ich fing innerlich schon an bei ihr nach Fehlern zu suchen. Auch die Tage darauf haben wir viel hin und her geschrieben, uns ausgetauscht. Dabei stellte ich fest, dass es sich beim Thema Ehe in ihrem Kopf nur um die Hochzeit drehte. Das passte zu ihr, war sie doch so sehr auf ihre Erscheinung fixiert. Ich fing an ihr fragen zu stellen, welche Pflichten sie in der Ehe sieht, welche Ziele sie persönlich hat und wie sie sich religiös entwickeln möchte in der Ehe. Zu all dem hatte sie keine Antwort und doch fragte sie mich, ob ich nicht heute mit ihr etwas essen gehen möchte. So sagte ich zu und wir trafen uns, fuhren in die Nachbarstadt und gingen in ein Sushirestaurant. Oh was liebe ich Sushi...konnte ich doch nicht wissen, wie der Abend ausgeht. Ich stellte ihr wieder die gleichen Fragen, ohne Antwort zu bekommen. Ich äußerte ihr meine Bedenken und sagte ihr, wenn sie doch so viel erwartet, was bietet sie einem Mann denn? Sie hatte darauf keine Antwort. In dem Moment war es, als ob mir jemand einen schweren Stein auf den Magen legte. Wut machte sich in mir breit, doch ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen. Ich fragte sie, ob ich sie mal ungeschminkt sehen dürfte, worauf ein schnelles "Nein" meinen Geduldsfaden überdehnte. "Hast du meinen Profiltext mal gelesen? Hast du gelesen, dass drinne stand ich möchte meine Religion vervollständigen? Hast du gelesen, worauf ich wert lege? Warum hast du dich gemeldet??"... mit diesen Worten hatte sie nicht gerechnet, sah sie mich mit ihren großen Augen an, die sich mit Tränen füllten...

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Glasherz

Kapitel VI

Ich schien sie verletzt zu haben. Keinen Ton hat sie mehr rausbekommen. Mir tat es sofort leid... ich bin zu empfindlich dafür glaube ich, ich will niemandem weh tun auch wenn es zu seinem/ihrem eigenen Wohle ist. Jeder andere Marokkaner hätte wohl weiter auf ihr rumgehackt... ich konnte es nicht. Statt dessen nahm ich sie in meinen Arm und sagte ihr "Weine nicht, bitte. Du weisst ich bin schon einmal durch die Hölle gegangen. Ich möchte doch nur nicht, dass es sich wiederholt....". Lange blieben wir wortlos einfach in unseren Armen, bis ich bezahlte und jeder wieder nach Hause fuhr. Zuhause angekommen wühlte ich in meinen Jackentaschen, in der Hoffnung irgendwo noch ein Päckchen Zigaretten gebunkert zu haben aber ausser alten Taschentüchern, Kassenbons, Tabakkrümeln und fast leeren Feuerzeugen war nichts aus ihnen zu holen. So setzte ich mich auf mein Bett, drückte den Fernseher an und zog das Notebook zu mir aufs Bett. Im TV nichts vernünftiges, machte ich ihn nach einem Zapprundgang wieder aus. Ich wollte nicht drüber nachdenken. Ich wollte mir keinen Kopf machen darüber, doch es mangelte einfach an Ablenkung. So schaute ich mich bei Facebook in der Marokkogruppe um, ob es was Interessantes zu lesen gab. Nahezu jede Frau, die ein Foto drin hatte war stark geschminkt, Kussmund-Pose, Peacezeichen, Seitenprofilfoto mit einem angewinkelten Bein, um die Figur zu betonen, ganz egal ob mit oder ohne das Kopftuch. Die wenigsten, die ein Foto von sich drin hatten, hatten ein neutrales und einfach sympathisches Foto von sich.
Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden? Oder liegt an es mir? Bin ich verbittert? Ist keine Marokkanerin gut genug nach der ersten Pleite? Geht es mir jetzt besser als in der verkorksten Ehe? Gibt es keine vertrauenswürdigen und ehrlichen Marokkanerinnen mehr? Gibt es keine Mitte zwischen Moderne und Religion? Alles Fragen, für die ich keine Antworten finden konnte - im Gegenteil. Ich grübelte noch weiter, bis spät in die Nacht. Abgeschottet von der Aussenwelt, mein Handy rührte ich nicht an. Ich schaute in den Spiegel: Was ist nur aus mir geworden? Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen. Ist das, was ich will zu viel verlangt? Können junge Frauen überhaupt etwas mit meinen Qualitäten anfangen?
Ich wurde zornig, hätte am liebsten den Spiegel zerschlagen. Stattdessen brach ich in Tränen aus, warf mich auf mein Bett und versank immer tiefer in einen Strudel aus Depressionen wie schwarzem klebrigem Schlamm bei Regen aus Selbstmitleid, der mir jede Hoffnung nahm irgendwie wieder da rauszukommen und Nebel aus Hass und Wut, die mir die klare Sicht nahmen... Ich erinnerte mich an sie, die ich so sehr liebte und dachte an die Uhr, die ich ihr schenkte als ein Symbol für Zeit, die wir brauchen. Eine Lüge zerbrach das Band zwischen uns. Hätte sie mir doch nur die Wahrheit gesagt...
Was ist nur aus mir geworden? Hänge ich in meiner Vergangenheit fest während die Gegenwart an mir vorbeizieht und die Zukunft ungewiss ist. Wo ist mein Glaube geblieben, mein Gottvertrauen? Ich fühlte mich als säße mir ein kleiner Teufel auf der Schulter, die Zügel um meinen Hals schwingend ritt er mich fies lachend wie ein Pferd und hatte mich voll unter Kontrolle. Und die Lösung...?
"Wer seine Gebete nicht bewahrt, für ihn gibt es kein Licht, kein Beweis und kein Grund mehr für seine Errettung..." Immer wieder kamen mir die Worte des letzten Propheten, der Frieden und Segen auf Ihm, aus meinem Herzen aber kamen nicht zu meinem Verstand durch. Dieser war zu benebelt. Im Sturm negativer Gedanken weinte ich mich wohl in den Schlaf... Wieder wachte ich mitten in der Nacht auf. Ein Blick auf mein Handy, unzählige Whatsapp Nachrichten, Anrufe in Abwesenheit, SMS meiner Mailbox. Es war wie ein Neustart, es war viel passiert aber doch bin ich keinen Schritt weiter gekommen. Ich durchwühlte die Nachrichten, sie hatte mir 2 Nachrichten geschickt. Die erste "hey was machst du?" und die zweite etwa 1,5 Stunden später nur "gute nacht...". In meinem Kopf hat sich der Nebel verzogen und es zeigten sich erste Gedanken, mit ihr abzuschließen. "Ich möchte eine Frau, keine Puppe, die gut aussieht aber mir weder intellektuell noch religiös eine Hilfe sein kann. Soll ich es ihr direkt schreiben? Mich mit ihr treffen und es ihr sagen? Oder sie einfach ignorieren bis sie selbst merkt dass ich kein Interesse mehr an ihr habe? Ach ich weiss es nicht. Egal wie ich tue ihr weh. Vielleicht gebe ich ihr noch die Chance sich zu bessern?" Die Gedanken waren wirr durcheinander... lethargisch ihr weh zu tun, schrieb ich ihr, dass ich eingeschlafen war und ihr noch eine gute nacht wünsche... Sie tat mir leid, ja! Ich kann den Schmerz in dem Moment einfach nachvollziehen... nein das will ich ihr nicht antun! Aber was sollte ich tun? Es auf mein Herz lasten? Das kann auch nicht das richtige sein. Mit diesen Gedanken legte ich mich wieder hin und schlief ein...

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Glasherz

Kapitel VII

Ein neuer Tag. Die Sonne weckte mich mit ihrer Wärme, einige Sonnenstrahlen zeigten sich doch es blieb eisig kalt. Ich setze mich auf, streckte mich und bekam beim Anblick meines Bodens einen schaurigen kalten Schleier über den Rücken... Durch meine Gardine erfasste ein Lichtbündel meinen Gebetsteppich nahezu millimetergenau... doch auch dieses Zeichen gelangte in mein Herz, aber nicht in meinen Verstand. Statt mein Gebet zu verrichten faltete ich ihn zusammen und legte ihn in den Schrank. Was sie betraf, machte ich kurzen Prozess, nahm mein Handy in die Hand und schrieb ihr "Guten Morgen... ich glaube wir müssen reden. Hab bei uns ein ungutes Gefühl, dass es nicht passen könnte. Sei mir bitte nicht böse aber ich denke das mit uns passt einfach nicht zusammen...". Ich legte das Handy weg und nahm mein Laptop wieder zu mir, um bei MarocZone nach etwas neuem zu schauen. Ich habe 2 Stunden aktiv diverse Anzeigen durchforstet und denke es schadet fast schon mehr, als es nützt. Wie soll man sich richtig entscheiden wenn jedes Angebot "unvollkommen" ist? Beispiel: Ich schreibe mit 5 Frauen. - Eine ist Hübsch, aber arrogant. - Eine Gebildet, aber unreligiös. - Eine Hübsch und gebildet, spricht aber nicht meine Sprache. - Eine ist Religiös, aber unattraktiv. - Eine ist Lieb, aber ist geschieden mit 2 Kindern. Ich mag sie alle, denn vom schreiben her verstehen uns gut. Die hübsche reizt mich, konzentriere mich auf sie aber schon bei der ersten Zickerei mach ich einen Schritt zurück, was mir dann leicht fällt weil ich mir denke "naja sind noch 4 andere da" statt mit ihr drüber zu reden und das Problem zu lösen... Fazit meines Gedankensturms war es, dass ich mich nie richtig und frei entscheiden könnte, wenn ich mit mehreren zeitgleich Kontakt habe und mich dann für "die Beste" entscheide! Ich hatte redebedarf, da ich gefühlt drohte die Nerven zu verlieren und durchzudrehen. Ich loggte mich bei Facebook ein und schrieb jenen Bruder an, der mich schon zu vor geholfen hatte und fragte ihn um Rat. Seine Antwort hatte es in sich. Der originale Wortlaut: "Gute Männer sind selten, so sind es auch gute Frauen.Warum? Nun folgen wir den Gründen. In der heutigen Zeit werden sowohl Mann als auch Frau dazu erzogen in der Schule Bestnoten zu erzielen und möglichst gut und viel Geld zu verdienen. Der Kapitalismus macht den Rest. Als Kinder bekommen wir Autos und Frauen Puppen zum Spielen. So spiegelt sich das auch in unserem Leben wieder. Männer gehen für ihre Autos arbeiten um möglichst dicke Felgen zu kaufen und den teuren Mercedes zu kaufen. Frauen investieren in ihre Schönheit, sei es Klamotten oder MakeUp. Aber in Sachen Ehe halten sich alle an alte Ideale: Den rechtschaffenen Mann und die rechtschaffene Frau. Der tiefergelegte Golf mit den 18" Felgen für 2000€ taugt nichts für die Familie und finanziert weder Hochzeit noch Brautgabe. Und die Louis Vuitton Tasche für 600€ kauft leider keine neue Couch. Zudem fängt es doch schon an der Hochzeitsplanung an. Die Frau liebt ihren Verlobten, verlangt aber eine Mitgift und/oder eine Feier, die er nicht aufbringen kann. Er widerrum liebt seine Verlobte, erwartet aber von ihr Dinge, die sie nicht kennt, weil sie sich nicht mit diesen Dingen beschäftigt hat. Man sollte sich fragen warum heiratet man? Um die Eltern ruhig zu stellen? Seine Freiheiten zu bekommen? Oder um die von Allah dem allmächtigen auferlegte Pflicht zu erfüllen und seine Religion zu vervollständigen? Was erwartet man? Kann man das geben? Da fangen die Probleme an. Beide Akademiker, es mangelt nicht an Wissen und Geld. Aber keiner von beiden weiss wie man einen Salat macht, eine Glühbirne wechselt oder einen Baum pflanzt. Er kann einen einen hochkomplexen Motor auseinander nehmen und wieder zusammensetzen, weiss aber nicht wie er mit den Gefühlen seiner Frau umgeht wenn ihre Hormone durchdrehen. Sie kann komplexe Steuererklärungen machen und raffiniert formulierte Texte schreiben aber weiss nicht wie sie eine gute Pastasauce hinbekommt. Also das Auto und das Finanzamt sind zufrieden. Und der Rest? Es gibt so viele alte Sprichworte... Liebe geht durch den Magen. Schaut doch mal zu euren Familien. Wenn eure Mutter gekocht hat und es euer Vater gegessen hat... Essen gut, alles gut. Und was ist mit der Fürsorge und Versorgung, die unsere Väter leisten? Früher hat ein Mann keine große Entscheidung ohne seine Frau getroffen. Sie war seine Beraterin. Heute weiss es jeder besser und man streitet. Einer gibt immer nach. Entweder es ist der Mann, der seine Frau dann schalten und walten lässt bis es aus dem Ruder läuft und sie ihm an den Kopf wirft er sei kein richtiger Mann oder die Frau gibt nach und lässt den Mann zu einem Tyrann werden, der irgendwann eine Affäre hat und die Frau womöglich noch vor den Augen ihrer Kinder zu Grunde geht. Dabei hat jeder von uns den Zugriff auf die beste Lehre, die es gibt: den Islam. Kein Mann würde wollen, dass fremde Menschen wissen, wie er seine Frau liebt oder wie er gewisse Dinge im Leben handhabt. Unser Prophet Muhammad (s) hat uns alles offen gelegt, damit wir von ihm lernen. Man baut eine Ehe auf 4 Säulen auf. 1. Liebe & Barmherzigkeit, 2. Respekt & Verständnis & Geduld, 3. Vertrauen und Aufrichtigkeit und 4. Religion und Rechtschaffenheit. Fehlt eine dieser Säulen stürzt das Haus der Ehe ein... und einer der Beiden beendet die gemeinsame Reise.

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Glasherz

Kapitel VIII

Fangen wir doch mal von vorne an - Die Verlobung und Hochzeit - Islamisch gesehen: A liebt B, B liebt A, A kommt mit Eltern zu B, spricht mit ihr in einem Raum ohne Tür, sie sagt ihre Vorstellung, er seine. Als Einheit wird den Eltern verkündet, dass man sich geeinigt hat und gilt als verlobt. Es wird eine Feierlichkeit vorbereitet, Imam und Gäste eingeladen, Heiratsurkunde geschrieben, Essen für alle, A und B gehen nach Hause - glücklich und halal. Marokkanisch gesehen: A liebt B, B liebt A, schreiben seit Wochen/Monaten/Jahren per Chat/SMS und haben starke Gefühle füreinander entwickelt, weil sie nur die positiven Aspekte der Ehe teilen nämlich die Rechte ohne die Pflichten. A kommt mit Eltern zu B. Eltern sprechen über Vorstellungen (wer heiratet eigentlich? Die Eltern oder das Paar???) und wer wann wie wo die Feier finanziert. 1 Jahr oder länger wird gespart, vorbereitet, geplant, beide chatten immer noch und die körperliche Sehnsucht nacheinander wird größer und damit auch die Erwartungen an die Ehe. Nach einem Jahr ist der ersparte Geldhaufen wie verbrannt... weg. Die Feier ist rum. Das frisch vermählte Paar geht total gestresst nach Hause. Nerven ausgebrannt, Geld abgebrannt, teilweise enttäuscht weil Erwartungen, die sich mit der Zeit angehäuft haben nicht erfüllt haben oder weil sich Leute beschwert haben über 80 Ecken das Essen sei zu kalt oder es Stress mit dem Caterer gab (Essen gestohlen... passiert oft). Dazu der psychische Stress von den Pflichten, die jetzt hinzukommen und der Beziehung einen anderen Geschmack geben. Wozu das alles? Wem wollen wir etwas beweisen? Und so geht es weiter. Männer wurden als Führer erschaffen. Als dem Propheten Adam (Friede sei auf ihm) vergeben wurde, dass er vom verbotenen Baum gegessen hatte, wurde auch Eva (Friede sei auf ihr) vergeben. Der Erzengel Jibriel verkündete dem Erzengel Mik’ail (möge Allah mit ihnen allen zufrieden sein), dass Allah, der Allerbarmer dem Adam vergeben hat. Da antwortete Mik’ail sinngemäß: Dann hat er auch Eva vergeben, den Adam führt, sie folgt ihm. Sub7anallah! Wohin hat der Kapitalismus uns geführt? Der Mann, der als Führer geschaffen wurde, kommt seiner Aufgabe als Führer immer seltener nach. Die Gründe sind vielfältig, doch führen sie alle wieder zu einem Punkt: Kapital- und Materialismus. So hat man Macht über die Familie bekommen. Denn was will der moderne marokkanische Mann? Eine Muslima, die strikt nach Qur’an und Sunnah lebt, sich ihrem Mann fügt, solange er sie auf dem rechten Pfade „führt“? Oder eine unabhängige, moderne Frau, die womöglich gutes Geld verdient und ihm selbst in religiösen Themen oft vor den Kopf stößt? Und was will die moderne marokkanische Frau? Einen Mann, der ergeben den Gesetzen Allahs folgt, seine Frau gut behandelt und ein Leben in Bescheidenheit führen möchte? Oder einen modernen Mann, der Geld angesammelt hat, ein schönes Auto fährt, zu allen Schandtaten bereit ist aber von Religion kaum Ahnung hat oder eben nicht praktiziert? Darüber sollte man sich Gedanken machen. Denn ein durchschnittlicher moderner Mann, der vielleicht schon die ein oder andere Beziehung geführt hat, bringt Erwartungen mit über die Offenheit oder die Selbstverständlichkeit gewisser Dinge… Nun will dieser Mann heiraten und sucht sich eine gläubige Muslima. Was kann er ihr bieten? Ist er praktizierend? Hat er Wissen? Kann er eine Muslima „führen“ nach Qur’an und Sunnah? Hat er die Geduld bis zur Eheschließung zu warten, bis er mit ihr intim werden kann? Kann er seine alten Sünden und Laster ablegen und Gewohnheiten meiden, von denen seine Frau sagt und nachweist, sie seien haram obwohl er das schon sein Leben lang getan hat? Kann er damit leben, wenn sie sagt, dass sie ohne Hijab nicht arbeiten möchte und deshalb Geld in der Familienkasse fehlt? Nein? Warum dann keine moderne Frau? Die muss er nicht führen. Sie hat ihr eigenes Geld und ihren eigenen Kopf, er kann seine alten Laster zum Teil behalten, wenn er sie weiterhin auch ihre behalten lässt. Womöglich ist sie auch intim offener, wer weiss? Aber was kann er ihr bieten? Macht er die Hälfte des Haushalts, damit seine Frau ihrem Job nachgehen kann ohne dass die Last zu groß wird? Kann er sich beherrschen, dass er sich selbst versorgen muss wenn er nach Hause kommt, weil seine Frau später nach Hause kommt oder länger arbeiten muss und auf Dauer gestresst ist, wenn sie nach Hause kommt? Hält sich das Gleichgewicht? Wohl kaum! Welche Vorteile haben die Kapital- und Materialisten davon? Nun wenn in einer sagen wir mal 4-köpfigen Familie nur einer 2000€ verdient, können die 4 Personen auch nur 2000€ monatlich maximal ausgeben. Nun geht es dem Kapitalismus aber darum den Arbeitern (oder Sklaven des Kapitalismus) so viel wie nur möglich aus der Tasche zu ziehen (Produktivität). Wie? Biete den Frauen Jobs, Unabhängigkeit und Produkte, die sie zu Konsum und eigenem Einkommen bewegen. Jetzt hat die gleiche Familie 2x 2000€ im Budget, die ausgegeben werden können und dem Kapitalismus steht eine Arbeitskraft mehr zur Verfügung. Zudem haben sie Macht über das, was vielen in unserer Gesellschaft als das Wichtigste erscheint: Unsere Kinder und Jugendlichen. Wie konnte das passieren? Nun schauen wir eine Generation zurück. Unsere Eltern. Unsere Mütter haben zum großen Teil nicht gearbeitet. Ihr Job war und ist der schwierigste aber auch der beste: Fürsorge und Erziehung der Familie. Die Familie lebte vielleicht bescheidener (die, die Anfang der 80er geboren sind werden sich vielleicht erinnern) aber unsere Mütter haben unsere Väter anders umworben und die Liebe zwischen unseren Eltern ist heute vielleicht schwer zu verstehen, aber die Ehen halten. Schon zu früheren Zeiten verstanden es die Verbündeten des Teufels eine fromme Gesellschaft zu schwächen: In ihrer Jugend, denn die Jugend ist die Stütze einer Gesellschaft. Allein durch die Mediendoktrin werden unsere Gedanken gelenkt. Wie viel wertvolle Zeit eures Lebens habt ihr vor der Glotze verschenkt? Und mit welchem Nutzen? Wie viel Werbung war dabei? Wie viele dieser Produkte habt ihr vielleicht Zuhause? Was wird ausgestrahlt und worüber wird vielleicht auf der Arbeit oder unter Freunden gesprochen? Politik? Religion? Wissenschaft? Oder über Sprüche von D. Bohlen und D.D. Soost oder das Outfit von H. Klum? Leider überwiegen in unseren Kreisen Letztere. Eine Ablenkung von den Problemen der Gesellschaft, sei es der deutschen Gesellschaft, in der wir leben oder die der marokkanischen Gesellschaft, in der wir uns bewegen. Man schaffte ein Vakuum in unseren Köpfen, welches wir leider oft nicht mit islamischem Wissen füllen sondern mit eben jenem Schwachsinn aus dem Fernsehen. Denk mal für dich selbst!"
Damit hat er mich dann ganz aus der Bahn geworfen. Ich nahm nicht mehr wahr was um mich herum geschah, als hätte man einen Schuss gehört und würde denjenigen suchen, der getroffen wurde und umfällt. Wo gehörte ich hin? Ich gab ihm Recht mit seinen Worten, aber ich fühlte mich wie gedemütigt, einfach am Boden zerquetscht...

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Glasherz

Kapitel IX

Ich musste seine Antwort einige male lesen. Es reichte nicht, sie zu verstehen. Ich musste sie verinnerlichen. Denke ich an meine eigene Erfahrung gab ich ihm zum Teil Recht, zum anderen widerrum nicht. Ich muss meine Zugehörigkeit finden - das stand für mich fest. Ich bekam Heisshunger auf eine Zigarette... es war wie Hunger, den man mit einer normalen Mahlzeit nicht weg bekommt. Ich musste mich irgendwie ablenken. Meine Gedanken lagen mir wie schwere Gewichte auf dem Nacken. Ich hab mich umgezogen, packte meine Sporttasche, den MP3 Player, frische Unterwäsche und 2 Handtücher ein und ging ins Fitnessstudio. Obwohl ich keine 10 Minuten zum Studio laufen könnte und nicht wenig dafür zahle, war ich lange nicht mehr dort. Aber ich musste fliehen. Fliehen vor meinen Gedanken, fliehen vor der Einsamkeit, der Angst, niemanden zu treffen, der mit einem sensiblen Mann umgehen kann, fliehen vor dem Zorn Gottes, den ich durch meine Nachlässigkeit auf mich gezogen habe... Aber kann ich denn fliehen? Nein!
Denn als ich mich dann aufs Fahrrad gesetzt, die Beine auf Touren brachte und mit den Kopfhörern im Ohr die Playtaste drückte holte es mich ein:
"...Erleichterung einher. Ja, mit dem Schweren kommt die Erleichterung. Also, wenn du mit allem fertig bist, dann mühe dich ab. Und nach deinem Herrn richte dein Begehren aus."
Meine Gedanken verließen wieder den Raum und doch spürte ich die Wut in mir, die Wut auf mich selbst, die Wut auf die Kulturkonflikte, die gespaltenen Persönlichkeiten, die wir in uns haben, so dass wir zuhause Marokkaner sind, draußen Deutsche... Wut, dass ich mich nicht wohl fühle und nicht zufrieden bin. Es war kein Sport mehr, es war Dampf ablassen. Meine Augen weinten, Schweiss lief mir über die Stirn, selbst meine Hände waren vom häufigen Abwischen der Tränen nass. Ich brach das Training ab, ging unter die Dusche und ging nach Hause. Dort packte ich meine nassen Handtücher aus, holte ein paar frische Klamotten aus dem Schrank und stellte mich unter die Dusche. Ich hatte das Gefühl den Dreck der ganzen Menschheit an mir kleben zu haben. Das Rauchen, die ständigen Sorgen, meine großen und kleinen Sünden, die Schmerzen der Vergangenheit. Ich drehte das Wasser auf, so heiss dass ich es kaum ertragen konnte. Ich hoffte, damit diese Ketten um meine Brust lösen zu können. Wieder dachte ich an sie, die ich eins so sehr liebte. Ich fragte mich warum fiel es mir so leicht sie fallen zu lassen, nachdem sie mich belogen hat und warum leide ich immer noch darunter? Ich war für sie umgezogen, habe mich gequält nur um ihr nah zu sein, habe verzichtet um es ihr Recht zu machen! Warum verfolgt mich diese Enttäuschung? Es ist doch schon so lange her... Ich erinnerte mich an die Zeit mit ihr und plötzlich hörte ich in meinen Gedanken meine Stimme, die sagte: "ich habe sie für Allah verlassen, für Allah. Sie log mich an und Allah, der Allwissende hat sie aufgedeckt, denn diese Frau ist nicht gut für mich. ich habe sie für Allah verlassen..." ich bekam trotz des heissen Wassers eine Gänsehaut und fühlte mich leichter, die Ketten lösten sich, ich konnte tief durchatmen vor Erleichterung, obwohl mein schlechtes Gewissen mahnend erhalten geblieben ist. Ich vollzog die Gebetswaschung...
"Audhubillahi mina Shaytan arrajim. Bismillahirrahman arrahim..."
Nachdem ich meine Gebete für den Tag nachgeholt hatte, ging ich in die Moschee in meiner Nähe und las etwas im heiligen Buch. Es war ein Sonntag und das Maghreb Gebet war schon vorbei. Ich suchte den Frieden und fand ihn in der Rezitation der Worte Gottes. Nach dem Isha Gebet rief ich den Bruder an und wir verabredeten uns noch für den Abend. Ich war froh ihn zu sehen und drückte ihn lang, als wir uns trafen. Ich dankte Allah dem Allweisen dafür, dass er uns zusammenführte und mir einen wahren Freund zur Seite stellte. Ich erzählte ihm von meiner Reue und schüttete ihm mein Herz aus, was ihn offenbar auch sehr berührte, denn auch er war in dieser Phase, hat eine Scheidung hinter sich und lebt fernab seiner Familie. Aber wir haben uns das ausgesucht. Ich wollte ihn eigentlich nie auf seine Vergangenheit ansprechen aber an jenem Abend redeten wir uns fest und er erzählte mir seine Geschichte. Ich war überrascht, wie gleich unsere Erlebnisse sind und doch fühlte ich mich als jammere ich auf hohem Niveau. Denn ich hatte alles geschafft, ich hab die Schulden aus der Ehe alle beglichen, ich lebte gut, bin gesund - Allah sei Dank! Bei ihm kamen viele Probleme zusammen. Aber was die Erfahrungen in Sachen Frauen betrifft hatten wir nahezu das gleiche erlebt. Allerdings machte er eine Art Therapie in der Moschee, die ihm wieder auf die Beine half. Ich schmunzelte als er mir dies sagte, war er doch für mich sowas wie mein Therapeut und Mentor. Wir redeten und lachten viel, aber merkten gar nicht, wie die Zeit verflog. So trennten sich unsere Wege und jeder ging nach Hause. Was für ein Tag! Erwacht mit grauen Wolken und Stürmen brachte mir der Allmächtige das Licht zurück ins Herz. In meinen Gedanken verabschiedete ich mich von der Vergangenheit und nahm nur das mit, was mir Nutzen bringt. Von jenem Tag an konnte ich zurückdenken ohne darunter zu leiden. Ich hielt an meinem Gebet fest, fand darin nicht nur meinen inneren Frieden sondern auch die Ruhe in meiner Persönlichkeit. Ich vermisste das Rauchen nicht mehr, konnte meine Diät und mein Sportprogramm durchziehen, auf der Arbeit lief es auch entspannter. Ich ärgerte mich nicht mehr über andere Menschen. Ich schüttelte nur den Kopf und betete, auf dass der barmherzige Gott seiner Schöpfung vergibt. Es vergingen einige Wochen so, es war wie eine Rehabilitation. Aber noch war die Einsamkeit da und rief sich mir jeden Tag ins Gedächtnis: wenn ich nach Hause komme und die Tür öffnete, freute sich niemand und niemand erwiderte meinen Friedensgruss. Ich versuchte nicht viele Gedanken daran zu verschwenden und lenkte mich mit Büchern, Sport und anderen Freizeitaktivitäten ab. Ich machte die Einsamkeit zu meinem stillen Begleiter, womit ich gut zurecht kam vorerst. Aber Sehnsucht ist zwar eine wundervolle Sache aber jedes Licht wirft auch seinen Schatten. Ich sehnte mich sehr nach Liebe, körperlicher Nähe, nach Begierde und inniger Leidenschaft. Aber was sollte ich tun? Ich war froh, wieder auf einem hellen Pfad unterwegs zu sein. Soll ich nun wieder ein Bein auf die Seite stellen? Ich war unentschlossen, verwirrt, durcheinander. Denn selbst wenn ich jemanden kennenlernen sollte, mit der ich mir eine Zukunft vorstellen kann, würde ich sie fühlen und ihr nah sein wollen... wie soll ich das tun? Gar nicht! Ich harre in Geduld!

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Glasherz

Kapitel X

So verschwand das Thema auch wieder in meinem Kopf. Doch die Sehnsucht in meinem Herzen blieb nicht still. Noch immer hatte ich das Profil bei MarocZone, welches ich aber nicht nutzen wollte. Ich bat um Löschung der Gesuchsanzeige und löschte das Profil. Geblieben ist mein eigenes, langjähriges Profil. Damit bewegte ich mich dort auch und lernte jemanden kennen. Es fing mit Smalltalk an. Sie kommentierte auch einen Beitrag, in dem ich mitgemischt habe und war ganz angetan von dem, was ich geschrieben habe. Wir tauschten uns etwas aus, woher, wie alt, was machst du beruflich... das typische Smalltalk. Ich wollte mich verabschieden um mich ins Bett zu legen... ich weiss nicht was ich mir dabei gedacht habe, aber ich gab ihr meine Nummer und sagte ihr, dass wir da weiter schreiben könnten und sie dort auch ein Foto von mir findet. Kurze Zeit später kam per WhatsApp dann auch ihre Nachricht, nett sah sie aus. Wir schrieben ein paar Zeilen und ich wünschte ihr eine gute Nacht, nachdem ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte.
Am nächsten Morgen konnte ich mich kaum an das Ende der Unterhaltung erinnern, so müde war ich. Ich kannte weder ihren Namen, noch sie meinen, dabei sollte es wohl auch bleiben. Den ganzen Tag schrieben wir uns, fragten einander aus. Diesmal wollte ich vorsichtig bleiben und nicht wieder alles fallen lassen. Während der Arbeitszeit schaute ich ständig auf mein Handy und wartete ihre Nachrichten ab. Die Unterhaltung war witzig, sie hat Humor und sehr reif für ihr junges Alter. Mit der Zeit stellte sich heraus, das sie auch mal verheiratet war, was ich begrüsste. Denn sie bringt dementsprechend Erfahrung mit. Wir verabredeten uns für ein Telefonat nach Feierabend. Allerdings wollte ich sie erst anrufen, wenn ich zuhause bin und meine Gebete verrichtet habe. Gesagt, getan. Ich ging nach Hause, hab eine Kleinigkeit gegessen, gebetet, mich auf mein Bett gesetzt und sie angerufen. Eine zierliche etwas raue Stimme war am Telefon. Sie machte mir allein dadurch eine Gänsehaut. Sie arbeitet in der Nachtschicht und war auf der Arbeit, so telefonierten wir nicht lange und verblieben so, dass sie mich anruft wenn sie allein ist und ruhe hat aber ihre Stimme hatte es mir sehr angetan. Tagträumend legte ich mich auf mein Bett und fantasierte, wie sie wohl so sein könnte... ich kannte ihre Stimme und ihr Gesicht. Den Rest formte meine Fantasie. Ich schrieb ihr gegen Neun nochmal, wann sie denn anruft, aber sie war wohl zu beschäftigt. Ich dimmte mein Licht, nahm mein Buch zu mir und las, bis mir die Augen zugefallen sind und ich eingeschlafen bin. Das Handy vibrierte, ich antwortete im Halbschlaf... diese liebliche Stimme... ihre erotische Energie war überwältigend... ich war total verschlafen, unkonzentriert, nicht ganz wach, aber ich freute mich auf ihren Anruf. Wir sprachen eine ganze Weile und flirteten. Ich machte einen Scherz und sagte ihr, wenn sie Schichtende hat kann sie ja mit Brötchen vorbeikommen, da stehe ich gerade auf und wir könnten zusammen frühstücken. Sie lachte und sagte ich solle ihr die Adresse geben und sie käme dann. Ich hab ihr die Adresse einfach vorgebrabbelt, bin ich doch davon ausgegangen, dass sie nicht kommt und wir nur flirten... ich sollte mich täuschen. Am nächsten Morgen stand ich fürs Fajr gebet auf, verrichtete es und wollte mich noch eine Stunde hinlegen. Plötzlich klingelte mein Handy, die liebliche Stimme dran, sagte mir, sie stehe unten...SCHOCK! Schnell packte ich die Schuhe aus dem Flur, die Krümel vom Tisch, machte mein Bett in Windeseile und warf mir eine Djellaba über, konnte ich sie doch nicht in Shorts und T-Shirt empfangen... Sie kam die Treppen hoch, ganz in weiss, die Haare zusammengebunden und glänzend, als wären sie noch nass... Sie war kleiner als ich dachte, aber eine Augenweide an natürlicher Schönheit. Wir drückten uns, sie kam rein. Ich warf meine Kaffeemaschine an und sagte ihr lachend, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass sie wirklich kommt und ich somit unvorbereitet war. Sie sagte es sei kein Problem, spontane Sachen seien am Besten. Sie duftete gut, hatte sich wohl nach Schichtende nochmal geduscht und parfumiert. Sie stellte sich in der Küche neben mich und sah mir zu, wie ich eine Pfanne erhitzte, Kaffee zubereitete und ging mir beim Tisch decken zur Hand. Wir flirteten eifrig weiter und freuten uns, begegnet zu sein. Aber ihre Reize waren enorm... Wir schmierten die Brötchen, jeder nahm ich eine Tasse mit Kaffee und wir aßen und tranken. Ich habe nur ein Funktionsbett, so funktionierte ich es zur Couch um und wir saßen dort und redeten. Ihre Augen waren verführerisch und unsere Sprüche wurden immer eindeutiger und wir sprachen unsere Heimatsprache, was Vertrauen weckte. So passierte, was nicht hätte passieren sollen... ich hatte Nutella-Ecken an den Lippen und sie Küsste eine nach der anderen weg. Ich wehrte mich nicht... Ich war ihr total verfallen.... Mein Blut kochte, der Verstand war irgendwo eingesperrt. Es war wie ein Ermahner aus der Ferne, der mir zurief "Tu es nicht! Du kennst nicht mal ihren Namen! Bist du verrückt?" aber meine inneren Ohren war zu weit vom Verstand entfernt, um ihn zu hören... wir beide gaben uns einander hin. Als sie die Verhütung aus ihrer Handtasche packte bekam das ganze einen seltsamen Beigeschmack, ich hatte es abgelehnt den Akt zu vollziehen aber ich wollte sie trotzdem fühlen... auch wenn es nicht richtig war... aber die Sehnsucht war größer... Ich kam 2 Stunden später zur Arbeit als geplant, bin aber wegen meiner Gleitzeit nicht aufgefallen. Sie duschte sich bei mir noch ab und ging. Der Verstand stand direkt vor mir, als sie ging und die Tür zumachte. Was bitte war denn das??? Ich kannte nicht mal ihren Namen! So an sich ist sie ne tolle Frau aber ich kenne sie überhaupt nicht... Aber ich fand es nicht schlimm... ich fühlte keine Reue. Es ist als ob mein Verstand neben mir steht und mir eine Standpauke hält und ich schaue ihn schmutzig grinsend an und sage ihm "wir beide wollten es und wir beide haben es uns genommen, wo ist das Problem??". Ich sollte eines besseren belehrt werden... Aber meine Sorgen waren andere in dem Moment.

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Glasherz

Kapitel XI

Wie sollte ich an ihren Namen kommen? Kommt ja etwas doof, wenn ich jetzt frage... Ich versuchte ihre Nummer bei Facebook zu finden...Treffer! Ich sah mir ihre Fotos an, schickte ihr aber keine Freundesanfrage, da ich nicht wusste ob sie evtl. Familie dort hat und blöde Fragen aufkommen. Aber so hatte ich zumindest ihren Namen. Ich ging davon aus, dass aus uns beiden etwas wird. Später am Tag schrieb sie mir dann, dass sie gerade wach geworden war. Wir tauschten noch ein paar Nachrichten, dann plötzliche Stille, mitten in der Unterhaltung antwortete sie mir nicht mehr. Ich dachte mir nichts schlimmes dabei. Gegen 20 Uhr dann rief sie mich an, sie war nochmal eingeschlafen. Irgendwie glaubte ich ihr das nicht... aber solange ich nichts gegenteiliges weiss kann ich nur etwas misstrauisch an die Sache ran gehen, was ich auch tat. Wir sprachen wie ein Pärchen miteinander, sie bot mir dann erneut an mit mir zu Frühstücken, was ich nicht ablehnte. Selbiges spielte sich an Tag 2 ab. Sie kam nach dem Fajr Gebet, wir haben zusammen gefrühstückt, wieder ins Bett, beide Duschen und jeder geht seines Weges - sie nach Hause, ich ins Büro. Wir schrieben noch bis sie eingeschlafen war. Gegen 2 meldete sie sich wieder, dass sie wach geworden war und ab 4 etwa wieder keine Antwort. Auf der Heimfahrt vom Büro aus, surfte ich per Handy nochmal auf ihr Profil und entdeckte etwas... sie ist verheiratet! Da steht sogar der Name ihres Mannes, der als Profilbild ein Hochzeitsfoto drin hat... mir wurde übel... ich hatte ein Gefühl im Bauch als wäre ich im freien Fall... wie komme ich da wieder raus? Ich will keine Affäre sein! Ich will nicht der Mann sein, mit dem eine Frau ihren Ehemann betrügt! Aber was sollte ich tun? Das ist doch definitiv ihr Mann! Soll ich ihn anschreiben? Sie konfrontieren? Was mach ich jetzt??

Ich war unsicher, ob ich es ihr schreiben sollte oder sie direkt drauf ansprechen. Nach einiger Zeit in inniger Unruhe schrieb ich ihr per WhatsApp, dass ich nichts mehr verabscheue als Lügen und weiss, dass sie verheiratet ist. Ich sah, dass sie meine Nachricht gelesen hat aber sie reagierte erstmal gar nicht. Ich ärgerte mich, versuchte aber nicht wirklich wütend zu werden, weil es nichts bringen würde sich aufzuregen. So folgte ich meinem Tagesablauf, bis gegen 8 wieder das Telefon klingelte... so lieblich ihre Stimme auch klang, ich konnte keine Sympathie mehr für sie finden. Sie versuchte mir zu erklären, ihre Eltern hätten sie zu der Ehe gedrängt, sie liebt ihn nicht und möchte ihn verlassen und so weiter. Aber jemand, der nicht damit rechnet hat keine Gummis in der Handtasche versteckt! Jemand, der das nicht regelmäßig macht ist nicht so routiniert! Warum hat sie nicht die Wahrheit gesagt? Warum nicht einfach die verfluchte Wahrheit sagen sondern schön verstecken? Daraus kann nichts ernstes werden, am Ende bin ich wieder der Betrogene... nein! Sie antwortete nicht. Ich fühlte mich zurückgeworfen an jenen Tag, als ich die anrief, die ich liebte, um ihr das gleiche zu sagen, nachdem der allmächtige Gott ihre Lüge offengelegte... Ich ekelte mich vor ihr, was ich ihr auch sagte. Aber noch mehr ekelte ich mich vor mir selbst. Ich fühlte mich als hätte ich Blut an den Händen... als hätte ich ihren Mann erstochen. Ich sagte ihr das auch und wünschte ihr, dass sie sich bessert und ihn entweder verlässt oder ihre Ehe rettet, sonst wünsche ich ihr Gerechtigkeit, dass sie einen Mann liebt, der auch sie betrügt und beendete das Gespräch.
Das erste, was ich tat war das Bett neu zu beziehen und mir ein bad zu nehmen. Auch die Klamotten, die noch nach ihr rochen habe ich alle zusammengepackt und in die Waschmaschine geworfen. Ich war unruhig, nein fast schon unbändig wütend. Doch egal wie sehr ich mich in der Wanne schrubbte und wusch, dieses Gefühl blieb, Dreck am stecken zu haben.
Selbst in der Nacht träumte ich davon, dass ich ihm begegne, seine Gnade ersuche weil ich es nicht wusste ich aber von ihm zum Tode durch Ertränken verurteilt wurde, weil er seine Frau zu sehr liebt, die sich hinter ihm versteckt... panisch wurde ich in der Nacht wach, schweissgebadet, zitternd. Es dauerte eine ganze Weile, bis mein Gewissen das geschehene verarbeitet hat. Ich hatte mich ziemlich gehen lassen... mein Bart verdichtete sich, die Haare wurden länger. Ich verbrachte die meiste Zeit nach der Arbeit allein. Mied den Kontakt nach Aussen. Das einzig Gesellschaftliche war das Freitagsgebet in der Moschee und ich folgte einigen islamischen Vorträgen und Seminaren.

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Glasherz

Kapitel XII

Ich nutzte die Zeit, mich zu finden und zu Kräften zu kommen. Ich lernte einige Leute in der Moschee kennen, mit denen ich Qurankurse und die Vorträge besuchte. An einem Freitag wurde ich denn eingeladen zu einer Beschneidungsfeier und willigte ein. Ein schöner Abend! Die Familie, sehr traditionsbewusste Berber, feierten zuhause. So waren die Frauen im Wohnzimmer, wir Männer sitzten draussen in der Gartenhütte auf dem mit Teppichen und Kissen ausgekleideten Boden, das Festmahl wurde im Garten auf dem Grill zubereitet. Ich verbrachte einen wirklich schönen Abend dort. Einer der Anwesenden rezitierte einige Verse aus dem heiligen Buch und hielt eine kurze Ansprache. Wir aßen, wir tranken, wir lachten. Es wurde spät. Nun musste ich irgendwann nach Hause und verabschiedete mich bei den Anwesenden. Beim herausgehen verabschiedete ich mich auch bei den Gastgebereltern und dem, der mich eingeladen hatte. Er und seine Frau kamen auf mich zu und er sagte zu mir, dass sie eine Tochter haben und er sich wünschen würde mich zur Familie zu machen. Seine Tochter hatte ich an diesem Abend einige Male gesehen. Ihr lilafarbenes Kleid und die langen, seidenglatten Haare sind mir nicht entgangen... aber ich habe kein Wort mit ihr gesprochen. Ich war total überrumpelt damit, bedankte mich sehr und sagte ihm, dass wir nochmal darüber reden, wenn wir uns in der Moschee sehen, so Gott es will. Zuhause angekommen, machte ich 2 Extragebete und legte mich schlafen. Müde war ich nicht, eher nachdenklich und mein Bauch schmerzte vom lachen. Aber so wirklich in der Lage dazu fühlte ich mich noch nicht, etwas neues einzugehen... ich ging ins Bad, nahm meinen Rasierapparat in die Hand und stuzte mir den Bart, entfernte den Rasierkopf und entfernte alle Haare auf dem Kopf. Erst mit der Maschine, dann mit dem Nassrasierer. ich sah in den Spiegel und fühlte mich wie neu geboren. Am nächsten Tag erledigte ich meine Einkäufe und ging in die Moschee zum Nachmittagsgebet. Dort traf ich auch den ehrenwerten Mann, der mich gern als Schwiegersohn hätte. Wir umarmten uns und er erzählte mir von seiner Tochter... ich schämte mich. Dieser Mann ist ein guter Mann. Er und seine Frau empfingen mich als Fremden und waren sehr herzlich zu mir. Er sieht mich nur in der Moschee und denkt ich bin ein guter Mensch? Hab ich seine Tochter verdient? Ich dachte mir es sei der beste Weg, es im Rahmen des islamisch Erlaubten zu machen. Ihr Vater lud mich ein und sagte, ich könnte sie dann erst mal im Kreis der Familie kennenlernen und in Ruhe entscheiden. Ich willigte ein. Als ich die Moschee nach dem Abendgebet verließ, rief ich meine Eltern an, die mich schon vermissten weil ich mich so rar gemacht hatte. Ich versprach ihnen, mich auch bald wieder blicken zu lassen und erzählte ihnen von der Beschneidungsfeier und der Tochter des Gastgebers. Meinen Eltern gefiel der Gedanke, ich könnte bald wieder in festen Händen sein und das auf erlaubtem Wege. Die Woche nahm ihren Lauf und der große Tag des Kennenlernens kam. Ich bin vom Büro aus direkt in die Moschee und der Vater nahm mich dann mit zu ihnen. Die Familie empfing mich sehr herzlich, obwohl die Gesichter von der Glatze schon irritiert waren. Auch ihr Bruder war mit seiner Frau und seinem Sohn mit dabei. Ich unterhielt mich eigentlich nur mit den Eltern und dem Bruder. Sie gab kaum einen Ton von sich. Erst nach dem Essen fragte sie ihr Vater lächelnd, was mit ihr los sei, sie sei ja sonst nicht so zurückhaltend. Tee wurde serviert und der Vater sprach dann von der Ehe und dem reinen Willen, diese um Gottes Willen einzugehen. Ich erzählte dann von mir, meinem Beruf, meinen Gründen für die Scheidung. Sie stellte mir dann auch fragen. Und nachdem sie damit anfing verließen alle den Tisch und setzen sich an den Esstisch, bis ich mit ihr alleine saß und wir in Blickweite der Familie in Ruhe reden konnten. Wir verstanden uns gut... ich sagte zu ihr, ich möchte was ernsthaftes und sie solle sich Gedanken machen, ob sie mit meiner Person charakterlich und äußerlich glücklich werden könnte. Mich interessierte allerdings auch, warum sie mit Ende 20 noch nicht verheiratet ist. "Es kam einfach noch nicht der Richtige" - diese Antwort ist so ziemlich die einfallsloseste, die ich auf diese Frage kenne. Ich sagte ihr, worauf ich Wert lege und was ich in der Ehe biete und erwarte. Sie war aufmerksam, konzentriert und schilderte mir auch ihre Vorstellungen, die mir sehr gefielen. Wir lachten viel dabei. Sie hatte Humor und das stand ihr auch gut. Kurz vor dem Abendgebet schlug ihr Vater vor, das Abendgebet in der Moschee zu beten und ich willigte ein. "Hast du Facebook?" fragte sie mich mit gesenkter Stimme. Ich hatte nicht den Mut sie nach Facebook zu fragen, aus Angst indiskret zu wirken... so antwortete ich und sagte ihr, wie sie mich dort findet. Ich verabschiedete mich beim Rest der Familie für die herzliche Einladung. Die Mutter gab mir noch eine Tüte mit. Ein hausgebackenes noch warmes Fladenbrot, eine kleine Dose mit Keksen, eine weitere mit Hähnchenpastetchen und ein wenig Obst. Ich schämte mich und sagte ihr, dass ich dies doch nicht annehmen kann aber sie bestand darauf uns sagte "mein Sohn du lebst allein. Nimm dir ein wenig heimatlichen Appetit mit." "Möge Gott euch reich belohnen!" sagte ich ihr dankbar und konnte mir die Freude nicht verkneifen.

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Glasherz

Kapitel XIII

Noch auf dem Weg bekam ich auf Handy die Freundschaftsanfrage von ihr, die ich dann auch annahm. Nach dem Abendgebet fuhr mich ihr Vater mit ihrem Bruder nach Hause. Schöner Tag. Zuhause angekommen setzte ich mich an mein Notebook und lese, was in der Welt passiert. Auf Facebook angekommen sah ich, dass sie online ist und wir schrieben miteinander. Es war nett, mich mit ihr zu unterhalten. Immer respektvoll, mit etwas Abstand und doch offen und ehrlich. Wir verstanden uns gut. Die Typfrage haben wir auch geklärt und klärten auch die ein oder andere Vorstellung. So sagte ich ihr, dass ich dann wohl mit meinen Eltern kommen werde und rief parallel meine Eltern an und erzählte davon. Allerdings wollte ich mit anwesend sein, wenn das erste Gespräch mit ihren Eltern stattfindet. Ich erzählte ihr davon. Wir sprachen daraufhin über die Zeit. Wann sollte die Hochzeit stattfinden und wo? Ich wollte meine Meinung erstmal nicht preisgeben sondern fragte sie, wie sie sich das vorstellt. Sie hatte da schon genauste Vorstellungen, sei es die Brautgabe, das Gold, wann sie was bekommt, wo und wie sie sich die traditionelle Hochzeit wünscht. Ich unterbrach sie und sagte ihr, dass ich nicht in der Lage bin eine solche Hochzeit und Brautgabe zu stemmen. Sie gab mir zu verstehen, wenn ich sie will, eine Frau, die sich aufgehoben hat so viele Jahre, dann sollte ich ihre Forderungen doch bitte erfüllen. Das war ein Schlag ins Gesicht. Zum einen zeigte sich ihr Hochmut, zum anderen fühlte ich mich wertlos... ich habe mich nicht aufgehoben. Wird so der Wert eines Menschen gemessen? Ich gab ihr zu verstehen, dass die Brautgabe eine Pflicht ist aber nur in der Höhe, in der ich in der Lage wäre diese auch aufzubringen. "Wir können ja warten, bis du das gespart hast" schrieb sie mir dann. Etwas schroff das ganze. Ich warte doch nicht, nur damit ich ihr eine Feier bezahlen kann, wo ist da der Sinn? Ich wollte ihr nicht direkt stecken, dass ich nicht lange warten möchte sondern heiraten und im Erlaubten das Leben gestalten. Sie hatte kein Verständnis dafür. An ihrer Einstellung war nichts zu machen. Ich habe ihr offengelegt, wieviel ich an Geld erspart hatte und wie sie sich das realistisch vorstellt. Als sie dann erwartete, dass meine Familie das aufbringen sollte fragte ich sie, was denn wäre wenn meine Familie das Geld nicht aufbringen könnte und zudem die Brautgabe ihren Sinn ja nicht erfüllt, wenn ich sie aus eigener Hand bezahle? "Dann ist es so bestimmt und soll nicht sein." "Mktab" sagte sie. Ich teilte ihr mit, dass ich eine Nacht darüber schlafen und nachdenken möchte. Ich war schon etwas enttäuscht und fragte mich, ob sie mich will oder nur dass ich ihr eine Feier und Brautgabe finanziere? Frustriert legte ich mich ins Bett. Ich machte mir selbst schon etwas Druck. Meine Eltern wussten davon, ihre Familie war so gut zu mir, da kann ich ihr doch nicht einfach einen Korb geben. Aber der Hochmut ging mir nicht aus dem Kopf und verletzte mich auch. So schrieb ich ihr am nächsten Morgen noch eine Nachricht, in der ich ihr sagte, dass ich beim besten Willen nicht bereit bin 2 Jahre zu warten, einen Nebenjob zu beginnen um dann die ganze Arbeit und Erspartes in einen Tag zu verpulvern. Ich wünschte ihr viel Erfolg und von Herzen alles Gute. Sie reagierte nicht darauf sondern blockierte mich bei Facebook. Was für ein Flop! Ich begegnete ihrem Vater noch am selben Tag, vermittelte ihm, dass wir nicht einig wurden und entschuldigte mich vielmals für die Umstände. Er wollte wissen warum aber ich sagte ihm, dass ich keinen Ärger machen möchte und er dann doch seine Tochter fragen sollte. Seit dem ging er mir aus dem Weg. Aber als er nicht mal meinen Gruß erwiderte fragte ich ihn, warum er sauer auf mich ist, denn ich habe weder ihm noch seiner Tochter Unrecht getan. Da sagte er mir, dass seine Tochter ihm sagte ich hätte behauptet sie sei das alles nicht Wert und sie bestimmt keiner heiraten wollte weil sie so alt ist. Ich war schockiert und schwur ihm im Gotteshaus, derartiges nie gesagt zu haben! Ich sagte ihm die Wahrheit, dass wir uns bei der Brautgabe und der Hochzeit nicht einig geworden sind und ich ihr dann mitgeteilt habe, dass ich zu all dem nicht in der Lage bin. Wütend sagte er mir, dass er sie fragen werde und "sie doch nicht einfach so geweint haben konnte" und entfernte sich von mir. Gott, was war ich dankbar! Gott hat mich vor ihr bewahrt! Gepriesen sei Er! Ich wäre an eine hochmütige Lügnerin geraten. Oh Gott ich danke dir, wahrlich du bist der beste Beschützer... Am nächsten Morgen sagte ich es dann meinen Eltern, die mich auch fragten wieso, warum und weshalb ich sie nicht will. Aber die Gründe waren auch für sie nachvollziehbar.
Nach einigen Tagen traf ich ihren Vater wieder und er umarmte mich und sagte "Bei Allah, sie hat alles zugegeben, vergib mir mein Junge.". Mir fiel ein Stein vom Herzen, dass die Sache geklärt wurde. Ohne zu fragen, was sie zugegeben hat hab ich es einfach so stehen lassen und war dankbar für die Wahrheit, die der allmächtige Gott ans Licht gebracht hat. So war ich doch wieder Solo. Aber mein verstörtes Bild der marokkanischen Frau war damit komplett. Ich fand mich in Verbitterung wieder. So verschlossen, wie ich es war, wäre keine Frau in der Lage gewesen mich glücklich zu machen.
Ich löschte mein Profil bei MarocZone. Änderte meine Handynummer, löschte meinen Facebook Account und war eine lange Zeit Inkognito. Mir tat diese Zeit gut und ich nutzte die Zeit offline um das Erlebte zu verarbeiten. Innerlich war ich ausgebrannt und fühlte nichts mehr. Ich wollte niemals ein gefühlsfreier oder ignoranter Mensch sein. Also zog ich mich wieder in mein Schneckenhaus zurück.

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Glasherz

Kapitel XIV

Ich zähle die Tage nicht. Aber gefühlt war es immer wieder die gleiche Routine... Das Gefühl zwischen Arbeit und der Einsamkeit zuhause hin und her zu pendeln… Im Laufe der Zeit wurde mein Glaube immer schwächer und ich konnte mich schon bald nicht mehr dazu motivieren meine Gebete zu verrichten. Sollte ich schon wieder den Neustart wagen? Wie sollte ich das anstellen? Mir war durchaus bewusst, dass ich alleine nichts erreichen konnte. Ich musste raus, in die Gesellschaft, ins Leben zurück. Aber wie sollte ich mein Leben gestalten? Diese Frage konnte ich mir nicht selbst beantworten…also ging ich öfter raus, habe als Gast mitgelesen, was auf MarocZone passiert und wo ich Anschluss finden konnte. Ein Freund hat mir eine Empfehlung gegeben für einen Veranstalter, der öfter mal arabische Sänger einlädt und Parties veranstaltet. Ich dachte mir „was kann schief gehen?“ und bin nur eine Woche später auf die Veranstaltung gegangen. Das letzte mal, dass ich „feiern“ war lag Jahre zurück, also bin ich ohne Erwartungen erst mal hin. Das Problem fing bereits in der Tür an, dass einige Männer vor mir ohne Begleitung nicht reingelassen worden sind. Direkt hinter mir aber stand eine kleine zierliche Frau mit ihren zwei Freundinnen und sagten mir, dass ich mich ihnen anschließen kann. Nett! Auch wenn wir uns dann im Club nicht mehr gesehen haben. Das Verhältnis Männer zu Frauen lag bei 50:50 und die meisten kamen in Gruppen. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch für drei, bestellte mir an der Bar ein Red Bull und marokkanischen Tee und hab mich erstmal hingesetzt. Mir fiel sofort auf, dass das Publikum schon etwas älter war. Die Frauen ab 35 aufwärts, die Männer sogar ab 40 aufwärts. Als ich mich umschaute, merkte ich, dass ich einer der jüngsten dort war. In der Luft lag eine Mischung aus Shisha-Rauch, verschiedenen Parfums, Schweiss und NaeNae Minze. Es gab live Musik von einem Keyboarder und einem Sänger aber die Musik war nicht nach meinem Geschmack. Später kam besagter Freund in den Club und ich schloss mich seiner Entourage an. Es war eine Gruppe aus vier Männern und vier Frauen, die allerdings nicht zusammen waren. Wir saßen alle an einem Tisch und haben uns über so viele Themen unterhalten. Es kristallisierte sich eine Unterhaltung mit einer, die neben mir saß, heraus. Anfang 30, getrennt, alleinerziehend mit einem Kind. Sie hatte wunderschöne braune Augen, tiefschwarze Locken und einige Piercings in den Ohren. Sie fragte mich, ob ich rauche und ich sagte ihr, dass ich eigentlich aufgehört hatte aber mit ihr eine rauchen gehen würde. Also sind wir vor Tür gegangen. Die Atmosphäre war klarer in jeder Hinsicht. Ich konnte ihre Stimme besser hören, sie ohne den Nebel sehen und wir waren für uns. So eine nette Person... wir lachten zusammen, erzählten voneinander, lernten uns kennen, obwohl wir nur zwei Zigaretten geraucht haben, bevor wir wieder zu unseren Plätzen zurück sind. Es war ein schöner Abend, was sicherlich nicht am Ambiente oder dem Etablissement liegt sondern an ihr. Spät am Abend wollten die ersten sich auf dem Heimweg machen. Vor der Tür spaltete sich die Gruppe. Ein Teil von uns wollte noch was essen gehen, ein anderer Teil der Gruppe wollte nach Hause. Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass mich dafür entscheiden wollte was sie tut, nur um sie noch länger um mich herum zu haben. Allerdings musste ich mich entscheiden... "Kommst du mit uns oder gehst du auch?"... ich war müde und entschloss mich, nach Hause gehen zu wollen. Und so trennte sich die Gruppe. Ich hatte mein Auto zuhause gelassen und bin alleine Richtung Haltestelle gegangen. Total in Gedanken um das alles zu verarbeiten, was ich an diesem Abend gesehen und erlebt habe. Plötzlich steht ein Kleinwagen vor der Haltestelle...sie war es! Sie hatte noch zwei weitere Freundinnen dabei. Die eine wollte sie an der Haltestelle rauslassen. Dann sahen sie mich und sie fragte direkt, wo ich hin müsste. Zufällig war das auf ihrem Weg und sie bot mir an mich mitzunehmen. Natürlich nahm ich es an... Wir sind zu dritt noch durch den Drive in gefahren und haben im Auto auf dem Parkplatz gegessen und geredet. Je länger ich mit ihr zusammen war, um so sympathischer wurden wir uns. Wir sprachen über Jugendsünden, Tattoos, Marokko. Ihr arabisch war so vertraut... ich erinnere mich nicht mehr wann sie mich vor meiner Tür rausgelassen hat. Ich verabschiedete mich mit Küsschen auf Wangen bei beiden und wir tauschten Nummern, bevor die beiden weitergefahren sind. Nachdem ich ihrem Auto kurz hinterhergeschaut habe, schob ich den Schlüssel in die Haustür und ging nach Hause. Gefühlt war ich tagelang nicht zuhause, obwohl es nur ein paar Stunden waren. Ich hatte immer noch ihren Duft in der Nase aber die schlechte Luft aus dem Club ekelte mich. Also holte ich mir frische Klamotten aus dem Schrank und ging ins Bad, um mir den Abend vom Körper zu waschen. Danach machte ich den Fernseher für etwas Hintergrundgeräusche an und wollte mich ins Bett legen um dem Tag - besonders den Abend - Revue passieren zu lassen. Aber als ich an meinem Kleiderschrank vorbeigegangen bin, sah ich mich selbst im Spiegel und blieb kurz stehen, um mir einen verachtenden Blick zu geben. Denn ich wusste, dass ich heute ins Bett gehen werde ohne meine restlichen Gebete zu verrichten... Ich versuchte mein Unterbewusstsein bewusst zu ignorieren und nicht zu hart mit mir selbst zu sein, sonst wäre ich niemals in den Club gegangen und hätte jemanden kennengelernt, die mir so sympathisch ist... Trete ich gerade von einem Extrem ins nächste? Oder sind meine zwei Welten zu verschieden?

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Glasherz

Kapitel XV

Ich war zu müde, um mir Gedanken zu machen aber ich dachte an sie, malte mir eine Zukunft aus und schlief dabei ein. Auch am nächsten Morgen war sie noch in meinen Gedanken und ich war fast euphorisch, als ich ihren Namen auf meinem Handy hatte. Sie hat sich für den Abend bedankt und hofft, dass wir uns bald wiedersehen... wow... ich fühlte mich wie ein Teenie, elektrisiert... Ich erwiderte ihre Nachricht, würde sie so gerne wiedersehen und konnte das auch in meinen Nachrichten nicht verbergen. Um so mehr war ich überrascht, dass sie mich fragte was ich an dem Tag mache... es war ein sonniger Sonntag, sie hatte kindfrei, ich hatte nichts vor...und selbst wenn...! Wir haben uns zum Mittagessen verabredet und so viel gelacht. Anschließend sind wir dann am Rhein langspaziert...Ich liebte es so sehr, wenn sie arabisch gesprochen hat. Es hatte etwas vertrautes, etwas heimisches. Es fühlte sich überhaupt nicht so an als kenne ich sie noch keine 24 Stunden. Sie offenbarte mir ihre Tattoos, die ich vorher nicht gesehen hatte. Das war für mich irgendwie ein Dämpfer aber ich versuchte es weg zu lächeln. Wir verstanden uns sehr gut, konnten einfach entspannt offen miteinander reden. Eigentlich doch genau das, was mein Herz braucht, oder?

Wir waren den ganzen Tag zusammen und als ich sie nach Hause gefahren habe, gab es ein unangenehmes Schweigen, als wir im Auto saßen und uns in die Augen gesehen haben. Ich dachte jetzt oder nie und küsste sie. Es war kein Kuss, den man aus Liebe geben würde. Es war auch kein Kuss, den man sich als romantischen ersten Kuss zweier Verliebter vorstellen würde. Es war eher wie eine leidenschaftliche Explosion all der Anspannung, die sich seit unserem Kennenlernen angesammelt hatte... und so fanden wir uns in ihrem Schlafzimmer wieder, wo ich bis zum Morgen blieb. Der Morgen war hektisch! Wir mussten beide zur Arbeit und ich habe morgens tatsächlich noch geglaubt ich kann mich vor der Arbeit noch abduschen und meine Gebete nachholen... was hat mich da bloß geritten?? Aber ich fühlte nichts... keine Reue, keine Schuldgefühle, nichts. Es lief weiter wie bisher, mit ihr, nur ohne Gebete. Ich habe mich nicht mehr getraut zu beten... wir sahen uns fast jeden Tag und verbrachten jede Minute zusammen, die sie das Kind nicht bei sich hatte. Tage vergingen, Wochen... ich weiss es nicht mehr. Aber wir haben uns immer noch angezogen... aber langsam habe ich mir die Frage gestellt, wo das ganze hinführen soll... Können wir uns überhaupt glücklich machen? Wann stellt sie mich ihrem Kind vor? Und ich sie meiner Familie? Passen wir überhaupt zusammen? Eigentlich wollte ich gar nicht darüber nachdenken aber diese Gedanken wurden in meinem Kopf immer lauter. Aber was sollte ich tun? Ich hatte nicht das Gefühl verliebt zu sein... es fühlte sich eher an wie eine Freundschaft mit körperlicher Anziehung. Mein Gefühl sagte mir, dass es genau das ist was wir brauchten. Also ließen wir es laufen. Mit jedem Tag, fühlte ich, dass mein Glaube sich anfühlte wie eine trockene Pflanze, die mehr und mehr Blätter verliert. Warum ich an dieser Beziehung festhielt, kann ich nicht beantworten... Aber seit dem Abend, an dem ich sie im Club kennengelernt habe, habe ich kein Gebet mehr verrichtet und hatte es seit dem täglich vor Augen, dass ich meine Pflichten vernachlässige aber keinen Weg zur Gebetswaschung und dem Gebet fand. Gefühlt habe ich meine äußere Einsamkeit zwar durch sie getilgt aber mit jedem Tag wuchs die Einsamkeit in meinem Herzen... es wurde mehr und mehr unerträglich! Ich hatte sie 3 Tage nicht gesehen aber wir schrieben jeden Tag miteinander. Ihr Kind ist dieses Wochenende beim Vater, so haben wir geplant das Wochenende gemeinsam zu verbringen. Ich holte einen kleinen Blumenstrauss und Milka Pralinen, damit ich ihr eine kleine Freude machen kann wenn sie kommt. Ich konnte mich nicht erinnern wann meine Wohnung das letzte mal so sauber war. Am Freitagabend kam sie schließlich und ich war froh sie zu sehen. Sie brachte einen Teller mit gefüllten Datteln mit, weil sie wusste wie sehr ich Datteln mag. Es war ein schöner Abend mit vielen tiefen Gesprächen. Wir haben uns etwas zu essen bestellt, haben viel Zeit auf meinem Balkon verbracht und die Zeit genossen. Irgendwann fanden wir uns schmusend auf der Couch wieder und schauten fern. Ich konnte es nicht zurückhalten...so fragte ich sie, was sie glaubt wo das mit uns hinführt? Sie sah mich an und sagte, dass sie nicht weiss wohin das führt und sie es genießen möchte solange es geht. Ich fragte sie, warum können wir nicht zusammen sein? Ich meine so ganz offiziell? Ihre Augen wurden glasig und es fühlte sich an, als würde der ganze Raum kühler und dunkler werden. Sie sagte mir, dass sie in Trennung lebt und noch nicht geschieden ist, dass es viele Probleme gibt, finanzieller und familiärer Natur und dass sie glücklich ist, wie es im Moment ist. In mir brach ein mächtiges Gefühlschaos aus! in meinem Inneren hielt ich sie fest, während meine innere Stimme Alarm schlug. Ich wusste, dass meine nächsten Worte darüber entscheiden würden, wie es mit uns weitergeht. Ich drückte sie fest an mich und schenkte ihr einen Moment der Geborgenheit ohne ein Wort zu sagen. Wie sage ich ihr, dass ich mir etwas festes wünsche? Ich weiss es nicht... Warum reichen meine Vorstellungen mit ihr nicht über die Beziehungsphase hinaus? Ich weiss es nicht... Will ich das überhaupt mit ihr? Keine Ahnung!!! Obwohl sie in meinen Armen liegt und der Moment sehr emotional war, spürten wir beide, dass in unserer Gedankenwelt viel los war. Den Rest des Abend verbrachten in Zweisamkeit, bis wir irgendwann einschliefen. Als ich am nächsten Morgen wach wurde, schlief sie noch und ich sah sie an, während sie schlummerte. Ich mochte sie so sehr... wollte sie nicht verlieren... mein Herz hing an ihr... sobald ich aber meine Augen von ihr gelenkt hatte, sah ich meine islamischen Bücher im Regal, ein Bild an der Wand mit dem Glaubensbekenntnis und meinen Gebetsteppich, der immer nur an einer Ecke gefaltet war - allzeit bereit zum Gebet. Ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann. Gleichzeitig wusste ich aber nicht, wie ich es ihr sagen kann ohne ihr das Gefühl zu geben nicht gut genug sein oder sie zu verletzen und traurig zu sehen. Ich bin aus dem Bett gestiegen, habe mich geduscht und angezogen, um Brötchen zu holen. Als ich aus der Dusche kam, hat sie gerade Augen geöffnet. Ich ging zu ihr, gab ihr einen Kuss und sagte ihr, dass ich Brötchen holen gehe und gleich wieder da bin. Die 7 Minuten, die ich von ihr getrennt war, waren eine gefühlte Ewigkeit lang. Auf dem Weg zum Bäcker waren Gewissensbisse meine Begleiter und sie griffen mich frontal an. Ich war so entschlossen, heute mit ihr zu reden und ihr zu sagen, dass ich das so nicht mehr möchte. Mit jeder Treppenstufe, die ich zu meiner Wohnung machte, fühlte ich mich motivierter. Ich steckte den Schlüssel in die Tür, zog meine Schuhe aus und sah in ihre wunderschönen Augen mit den langen Wimpern. Meine innere Stimmung war verstummt und die 7 Minuten Gedankenchaos wie weggewischt. Wir frühstückten und wollten bei dem guten Wetter an die frische Luft...ein schöner Tag!

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  • 2 weeks later...
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GeheimeFrau

Dein Schreibstiel ist bewundernswert und sehr real. Man kann sich sofort in deine Lage hineinversetzen und deinen Schmerz spüren.

bitte schreib weiter, ich muss wissen wie das Ganze ausgeht- aber auch ohne Ende.. gerne mehr von deinen Gedankengängen.. 

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