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Marokko: Ausgangssperre verlängert bis 10.Juni

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Auch Saudi-Arabien hat es getroffen. Von Ägypten will ich gar nicht reden.

https://de.qantara.de/inhalt/auswirkungen-der-corona-pandemie-auf-saudi-arabien-risse-im-system

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Saudi-Arabien

Risse im System

Die Folgen der Corona-Pandemie sind für das saudische Königshaus wegen der wirtschaftlichen Verwerfungen dramatisch. Doch was passiert, wenn die Herrscher ihren Teil des Gesellschaftsvertrages nicht mehr ohne Probleme erfüllen können und die Untertanen aufbegehren? Eine Analyse von Karim El-Gawhary

 

Saudi-Arabien hat ein Problem und das lässt sich schlicht in der Differenz zweier Zahlen ausdrücken. Für einen ausgeglichenen Haushalt braucht das Land, laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds, einen Ölpreis von 76 US-Dollar pro Barrel. Der liegt derzeit aber mit ungefähr 30 US-Dollar bei weniger als der Hälfte.

Und damit nicht genug. Selbst um diesen niedrigen Preis zu halten, muss Saudi-Arabien das Angebot des schwarzen Goldes auf dem Weltmarkt verringern und hat seine Ölproduktion auf den niedrigsten Stand seit 18 Jahren zurückgeschraubt. Das Ergebnis ist ein dramatisch wachsendes Haushaltsdefizit, das laut einigen Schätzungen auf einen neuen Rekordwert von 112 US-Milliarden Dollar steigen könnte.

Das ist der Grund, warum der saudische Finanzminister Mohammed Al-Jadaan diese Woche die Notbremse gezogen hat. Eine Mehrwertsteuer, die überhaupt erst vor zwei Jahren erstmals eingeführt wurde, wird von fünf auf 15 Prozent verdreifacht. Bereits ab kommenden Juni sollen auch Unterstützungszahlungen für Militärangehörige und Staatsbedienstete gestrichen werden. Große Infrastrukturprojekte werden auf Eis gelegt.

Die doppelte Krise

In Saudi-Arabien kommen gleich zwei Krisen zusammen. Schon vor der Corona-Wirtschaftskrise hatte das Land mit Russland einen Preiskrieg rund ums Öl begonnen, in einer denkbar schlechten Zeit, denn mit den weltweiten Lockdowns ging der globale Ölverbrauch zurück. Ein totaler Preiszusammenbruch war die Folge.

Dazu kommen die eigenen Lockdowns, mit denen Saudi-Arabien versucht, seine eigene Corona-Kurve flach zu halten. Bisher waren die nur lokal  begrenzt. Nun hat die Regierung zum Ende des Ramadan und zum kleinen Bayram-Fest einen totalen landesweiten Lockdown angekündigt.

 

Krise an zwei Fronten: Saudi-Arabien ist den offiziellen Zahlen zufolge mit mehr als 41.000 Infektionen stark von der Pandemie betroffen. Möglicherweise könnte auch die große Wallfahrt Hadsch ausfallen, die Ende Juli beginnen soll. Das war zuletzt zwischen 1798 und 1801 der Fall, als Napoleons Feldzug in Ägypten die üblichen Wallfahrtsrouten nach Mekka unsicher machte. Gleichzeitig steht Saudi-Arabien derzeit eine seiner schlimmsten Wirtschaftskrisen seit Jahrzehnten durch. Mit einem Sparprogramm und einer drastischen Steuererhöhung versucht Riad, auf den beispiellosen Verfall der Ölpreise in der Corona-Krise zu reagieren.

Die Pilgerstätten in Mekka sind seit Wochen dicht. Der diesjährige Hadsch (Pilgerfahrt), auch wenn es noch nicht offiziell angekündigt ist, wird wahrscheinlich ausfallen. Die jährlichen Einnahmen aus den Pilgerfahrten und dem religiösen Tourismus belaufen sich auf 20 Milliarden US-Dollar, das sind ungefähr 20 Prozent der Einnahmen des Landes jenseits des Ölsektors.

Es gab sogar Pläne, die Pilgerfahrt für Saudi Arabien zum neuen Öl zu machen und die Einnahmen weiter auszubauen, etwa mit Luxus-Hotels in Mekka für reiche Pilger, in denen eine Suite mit Blick auf die Kaaba für über 5.000 US-Dollar die Nacht angeboten wird.

Nun ist Saudi-Arabien wirtschaftlich nicht einfach aus der Bahn zu werfen. Immerhin hat es einen Staatsfonds, der fast 300 Milliarden Euro schwer ist. Dennoch macht die derzeitige Wirtschaftskrise dem Land schwer zu schaffen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet einen Rückgang der saudischen Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 2,3 Prozent.

"Vision 2030" auf Sand gebaut?

Da geht an den neuen Sparmaßnahmen kein Weg vorbei, die auch die von Kronprinz Muhammad bin Salman verkündete "Vision 2030" betreffen werden, mit denen er sein Land durch große Infrastrukturmaßnahmen vom Öl unabhängiger und gesellschaftlich öffnen will.

 

Doch nun ein paar Nummern kleiner angelegt? Vor dem Hintergrund der Corona-Krise in Saudi-Arabien geht an den neuen Sparmaßnahmen kein Weg vorbei, die auch die von Kronprinz Muhammad bin Salman verkündete "Vision 2030" betreffen werden, mit denen er sein Land durch große Infrastrukturmaßnahmen vom Öl unabhängiger und gesellschaftlich öffnen will.

Ein Herzstück dieser Vision ist die futuristische Mega-Glitzerstadt NEOM, die für 500 Milliarden US-Dollar am Roten Meer aus dem Wüstensand gestampft werden und Touristen und internationale Investitionen anziehen soll.

Die saudische Haushaltskrise dürfte dazu führen, dass es hier nicht nur zu Verzögerungen kommt, sondern dass das Ganze ein paar Nummern kleiner angelegt werden muss. Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn der Ölpreis zusammenbricht und man kein Geld mehr hat, eine Wirtschaft aufzubauen, die vom Öl unabhängiger ist.

Jemen - der kostspielige Krieg

Auch bei den Plänen Bin Salmans, als Regionalmacht die Region neu zu ordnen, dürften ihm jetzt finanzielle Grenzen gesetzt werden. Der Krieg im Nachbarland Jemen, den er vor fünf Jahren begonnen hat, wiegt schwer auf dem Staatshaushalt. Die Gegner der saudischen Militärkoalition im Jemen, die Huthi-Rebellen haben Schätzungen veröffentlicht, laut denen Saudi-Arabien jährlich 60 Milliarden US-Dollar für diesen Krieg ausgibt.

Das ist wahrscheinlich eine übertriebene Zahl, aber von saudischer Seite gibt es dazu keine Angaben, was es kostet, die für diesen Krieg benötigten Waffen einzukaufen und einzusetzen, die dort am Boden kämpfenden Söldner zu bezahlen und die von den Saudis unterstützte Al-Hadi-Regierung in Aden am Leben zu halten.

 

Kostspieliges militärisches Abenteuer im Jemen: Der Krieg im Nachbarland Jemen, den er vor fünf Jahren begonnen hat, wiegt schwer auf dem Staatshaushalt. Die Gegner der saudischen Militärkoalition im Jemen, die Huthi-Rebellen haben Schätzungen veröffentlicht, laut denen Saudi-Arabien jährlich 60 Milliarden US-Dollar für diesen Krieg ausgibt.

Für Anfang Juni hat Saudi-Arabien zusammen mit der UNO eine virtuelle internationale Geberkonferenz einberufen, in der Hoffnung, die Auswirkungen des Kriegs, den das Land mit zu verantworten hat, nicht alleine tragen zu müssen. Und dabei geht es auch nicht um wenig Geld. Das Internationale Rote Kreuz warnte vor kurzem, dass dieser Krieg der Internationalen Gemeinschaft weitere 29 Milliarden US-Dollar an Hilfslieferungen kosten könnte, sollte die militärische Auseinandersetzung weitere fünf Jahre andauern.

Gesellschaftsvertrag auf dem Prüfstand

Aber es ist etwas anderes, das den Herrschern in Saudi-Arabien mit dieser Wirtschaftskrise wirklich schlaflose Nächte bereiten dürfte. Wie in den anderen ölreichen Golfstaaten gibt es auch in Saudi-Arabien einen ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag und der lautet: Ihr Untertanen habt keinerlei politisches Mitspracherecht. Im Gegenzug geben wir Herrscher uns gönnerhaft und machen den Staat zum Rundum-Versorger. Kinder können etwa auf Staatskosten im Ausland studieren, Saudis dürfen sich mit staatlichen Beihilfen im Ausland medizinisch behandeln lassen, sie bekommen Zuschüsse für den Bau ihrer Häuser und zinsfreie Kredite.

Steuern waren vor der Einführung einer Mehrwertsteuer von fünf Prozent im Jahr 2018 praktisch ein Fremdwort für saudische Bürger. Um in den Genuss all dieser Wohltaten zu kommen, müssen die eigentlich nur eine einzige staatliche Pflicht erfüllen: Sie dürfen die politische Legitimität ihrer Herrscher nicht hinterfragen oder gar politische Rechte einfordern. 

Es ist ein Gesellschaftsvertrag, der seit Jahrzehnten funktioniert hat und der das saudische Königshaus selbst durch die turbulenten Zeiten der Arabellionen und des Arabischen Frühlings gebracht hat. Nun knackt es aber im Gebälk dieses Gesellschaftsvertrages.

Die angekündigte Verdreifachung der Mehrwertsteuer und das Ende der Zusatzzahlungen für Beamte, sind erste Risse im System, die zeigen, dass die saudischen Herrscher ihren Teil des Gesellschaftsvertrages nicht mehr ohne Probleme erfüllen können. Spannend wird sein, wie lange die Untertanen sich dann an ihren Teil der Abmachung halten.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2020

 

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AutorIn: 

Karim El-Gawhary

Datum: 

19.05.2020

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Themen: 

Coronavirus , Wirtschaft , Gesundheit, Mekka, Mohammed bin Salman, Erdöl, Jemenkonflikt

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Saudi-Arabien , Jemen

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Hippasos

Gerechtigkeit gibt's nur beim Lieben Gott sagte mal ein deutscher Minister. Recht hat er.

https://de.qantara.de/inhalt/corona-pandemie-in-aegypten-was-heisst-hier-gerechtigkeit

Corona-Pandemie in Ägypten

Was heißt hier Gerechtigkeit?

Eine erkrankte Schauspielerin wird bevorzugt behandelt, ein prominenter Auftragsmörder begnadigt: Die Corona-Pandemie zeigt, wie ungleich die ägyptische Gesellschaft ist. Von Khaled el-Khamissi

Im Jahre 1530 verfasste Sultan Zahir ad-Din Muhammad Babur, bekannt als Babur Schah, Begründer des indischen Mogulreiches, einen Brief an seinen Sohn. Darin forderte er ihn auf, Gerechtigkeit unter seinen Untertanen walten zu lassen, unabhängig von Herkunft oder Religion. So könne er die Herzen des Volkes in Hindustan gewinnen.

Bis heute kreist die Debatte in unseren Ländern um das Maß an Gerechtigkeit, das Regierungen ihren Bürgern gegenüber walten lassen. Und eine Folgeerscheinung der Covid-19-Epidemie ist das Gefühl, dass es diese Gerechtigkeit nicht gibt.

So unterhielt ich mich mit einer hart arbeitenden Frau namens Feryal, die sicher zu den am wenigsten Begüterten Kairos zählt. Sie sagte: "Wir wussten schon immer, dass wir Armen noch bei keiner Regierung an erster Stelle gestanden haben, aber mit dem Coronavirus ist das Ganze sonnenklar geworden. Wissen Sie, dass in dem Viertel, in dem ich wohne, die meisten Läden auch nach Beginn der Ausgangssperre noch geöffnet sind? Die Ausgangssperre gilt nur für die wohlhabenden Viertel. Die Polizei nimmt Leute, die gegen die Ausgangssperre verstoßen, nur in den Stadtteilen fest, in denen Menschen wohnen, an denen die Regierung ein Interesse hat."

In dieser Woche wurde das Eid al-Fitr, das Fest am Ende des Ramadan, gefeiert. Die ägyptische Regierung hatte entschieden, die Ausgangssperre am Feiertag schon ab fünf Uhr nachmittags zu verhängen, sämtliche Strände zu schließen und von den Hotels zu verlangen, ihre Swimmingpools zu leeren. Keine Frage, eine sinnvolle Maßnahme, um in diesen Tagen steigender Infektionszahlen die Vermischung vieler Menschen zu verhindern.

Gleichzeitig jedoch waren die Suqs in den Armenvierteln so überfüllt, als sei der jüngste Tag angebrochen, um noch schnell ein paar neue Kleider zum Fest oder das in der ägyptischen Tradition fast fünftausend Jahre zurückreichenden Festtagsgebäck Kak al-Eid zu erstehen.

Und so wollte Feryal von mir wissen: "Wären es die Armen, die ans Meer fahren oder in Hotels mit Swimmingpool, hätte sich die Regierung dann auch dafür interessiert, diese zu schließen oder geöffnet zu lassen?" Ich habe nicht geantwortet, sondern nur genickt, als müsste ich darüber noch nachdenken.

 

Alle Macht den Militärs: „"Wo ist denn der Zivilist hier?" Zivilist meint für die Militärs jeden, der nicht ihresgleichen ist. So hat unser Präsident automatisch alle Bürger in Militärs und Nichtmilitärs unterteilt - über Religion, Geschlecht und Abstammung hinweg“, konstatiert der ägyptische Schriftsteller Khaled el-Khamissi.

Die Fernsehserien für den Ramadan wurden bis zur letzten Minute gedreht. Sie galten als nationale Aufgabe

Außerdem wurde in dieser Woche bekannt, dass sich eine bekannte Schauspielerin mit dem Coronavirus infiziert hatte und in ein Krankenhaus in Ismailia am Suezkanal eingeliefert wurde. Daraufhin meldeten sich Einwohner, deren Angehörige versucht hatten, in eben diesem Krankenhaus ein Bett zu bekommen, nur hieß es ihnen gegenüber, das Krankenhaus sei völlig überbelegt.

In meinem Freundeskreis wird seitdem diskutiert, ob die Tatsache, dass es sich um eine berühmte Schauspielerin handelt, den Umstand rechtfertige, dass ihr eine bessere Behandlung zuteil wird als Ärzten und Pflegepersonal. Deren Sicherheit wurde so vernachlässigt, dass viele von ihnen an Covid-19 starben. Ob für die Regierung Schauspieler wichtiger seinen als Ärzte, fragten sie.

Die Schauspieler unter meinen Freunden verteidigen die Vorzugsbehandlung ihrer Kollegin damit, diese sei - wie viele andere auch - zuvor gezwungen gewesen sei, unter gefährlichen Bedingungen Fernsehserien für den Ramadan zu drehen.

Es ist ein eigentümliches Phänomen in der gesamten arabischen Welt, dass im Ramadan eine Unmenge von Fernsehserien gezeigt wird. Was nicht während des Ramadan läuft, gilt als wertlos. Dies zwingt alle Beteiligten, bis fast zum Ende des Monats zu arbeiten. Schon im März hatte es eine lange Diskussion gegeben. Sollte man die Arbeit an den Serien nicht besser einstellen? Doch die Kriegstrommeln verkündeten schließlich, die Ausstrahlung im Ramadan sei nicht weniger als eine nationale Aufgabe. Vielleicht, weil diese ein Instrument der politischen Propaganda sind?

Lesen Sie auch: Corona-Krise in Ägypten und Tunesien: Zwischen aktivem Eingreifen und grotesker Verharmlosung

Anlässlich des Eid al-Fitr begnadigt der Herrscher in Ägypten üblicherweise eine größere Anzahl von Häftlingen. Auch unser Staatspräsident hat einer Reihe von Gefängnisinsassen die Freiheit geschenkt, darunter einem ehemaligen Polizeioffizier namens Mohsen al-Sukkary. Er war 2010 zu 25 Jahren Haft für die Ermordung der libanesischen Sängerin Suzanne Tamim in Dubai verurteilt worden. Er handelte auf Geheiß des Immobilienmoguls Hischam Talaat Mustafa, der für den Auftragsmord zwei Millionen Dollar gezahlt hatte. Auch Mustafa ist wieder auf freiem Fuß - nach einem Gnadenerlass durch den Staatspräsidenten zum Eid al-Fitr 2017.

 

 

Ich weiß nicht, welche Gründe den Präsidenten zu seinen Entscheidungen bewogen haben. Aber es bleibt die Frage, warum ein professioneller Auftragskiller begnadigt wird, während junge Menschen übergangen werden, die nichts getan haben, als auf Facebook ihre Opposition gegen die Regierung zum Ausdruck zu bringen. Und dies umso mehr, als seit Beginn der Epidemie viele die Freilassung all jener fordern, die ohne Gerichtsverfahren inhaftiert sind.

Verfügt die Regierung über eine geheime Liste, in der die Wichtigkeit der Bevölkerungsgruppen festgelegt ist?

So versuche ich, mir eine Hierarchie der Bevölkerungsgruppen nach ihrer Bedeutung für die Regierung vorzustellen. An der Spitze dieser Pyramide sind mit Sicherheit Militärs, vermögende Geschäftsleute und Glaubensmänner. Wo aber befinden sich die Schriftsteller? In welchem Raum stehe ich selbst? Wo Universitätsdozenten? Polizeibeamte? Tischler und andere Handwerker? Verfügt die Regierung womöglich über eine geheime Liste, die die Reihenfolge nach ihrer Wichtigkeit festlegt?

Mir scheint, die Geschichte wird eines Tages einen einzigen Satz des Präsidenten als Quintessenz unserer Zeit betrachten: "Wo ist denn der Zivilist hier?" Zivilist meint für die Militärs jeden, der nicht ihresgleichen ist. So hat unser Präsident automatisch alle Bürger in Militärs und Nichtmilitärs unterteilt - über Religion, Geschlecht und Abstammung hinweg.

Sicher ist auch, dass sich Regierungen bevorzugt darum kümmern, wer im Rampenlicht steht. Die Scheinwerfer aber sind begrenzt, und nach dem Willen der Regierung vor allem auf sie selbst gerichtet. Die große Mehrheit bleibt im Dunkel.

Facebook und andere soziale Netzwerke haben eine Unzahl neuer, mächtiger Scheinwerfer geschaffen, die eine gewaltige Anzahl von Menschen ins Licht treten lassen. Alle Regierungen streben danach, diese virtuellen Scheinwerfer gesetzlichen Auflagen zu unterwerfen, um die Zahl derjenigen im Rampenlicht klein zu halten.

Die Entscheidung, alle Strände zu schließen, erfolgte zwar, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Aber lediglich, weil diejenigen, die an Strände und in Hotels geströmt wären, mehrheitlich im Rampenlicht stehen und es misslich gewesen wäre, hätte sich einer infiziert.

Wie würde Barbur Schahs Brief aussehen, hätte er ihn in unseren Tagen geschrieben?

Khaled al-Khamissi

© Süddeutsche Zeitung 2020

Aus dem Arabischen von Markus Lemke

Khaled al-Khamissi, geboren 1962 in Kairo, studierte Politikwissenschaften an der Universität Kairo und der Sorbonne. Er arbeitet als Journalist für ägyptische Zeitungen. Für verschiedene Spiel- und Dokumentarfilme war er als Produzent, Regisseur und Drehbuchautor tätig.

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