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Corona Virus erreicht Deutschland

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Hippasos

Mal was positives:

https://www.nzz.ch/international/corona-wunder-deutschland-kaum-beschadet-durch-die-pandemie-ld.1552281?mktcid=smsh&mktcval=Facebook&fbclid=IwAR3v7SQcY0dBqqQWELDToJm9hmzANmwybLW0uA3g52WiZAi1zCFuyLBoU5I

die Infografiken werdne leider nicht kopiert!

 

orona-Wunder Deutschland: Warum die Bundesrepublik ganz passabel durch die Pandemie steuert

Niedrige Sterberate, freie Intensivbetten und die Aussicht auf eine baldige Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Deutschland scheint das Virus besser in den Griff zu bekommen als andere Länder. Woran das liegen könnte. 

Anja Stehle, Berlin Kommentare 18.04.2020, 06.00 Uhr

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Hoffnung auf Hilfe in Deutschland: Ein Corona-Patient aus Frankreich wird für den Transport nach Deutschland vorbereitet. Die Kliniken in der Bundesrepublik haben in den vergangenen Wochen zahlreiche Covid-19-Kranke aus umliegenden Ländern aufgenommen. 

Christian Hartmann / Reuters

Anfang dieser Woche gab der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dem amerikanischen Fernsehsender CNBC ein bemerkenswertes Interview. Der Moderator wollte von Spahn wissen, weshalb das Corona-Virus Deutschland eigentlich weniger hart treffe als manch anderes Land. Auf Englisch mit deutscher Einfärbung antwortete Spahn, dass es dafür nun doch sehr viele Gründe gebe. «First of all» sei das deutsche Gesundheitssystem in «very good shape», in sehr gutem Zustand also. Man habe die Lage von Anfang an sehr ernst genommen, «very serious from the very beginning». 

Es passiert selten, dass deutsche Gesundheitsminister im ausländischen Fernsehen befragt werden. Noch seltener geht es dann um Erfolgsgeschichten. In der Vergangenheit wurde die Bundesrepublik für ihr ausschweifendes System international eher getadelt. Zu teuer, zu viele Kliniken und Operationen, hiess es dann immer – auch von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Erst 2018 kamen von der OECD schlechte Noten für Deutschland. Wahrscheinlich hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Kritik noch im Ohr, als er am Mittwoch dröhnte: «Das deutsche Gesundheitssystem hat den internationalen Test bestanden.» Plötzlich wird Deutschland zum Vorbild. 

«New York Times» rätselt über «German Exception»

Es ist die erste Pandemie, welche die Welt im digitalen Zeitalter erlebt. Fast in Echtzeit verfolgen die Menschen auf allen Kontinenten Infektionszahlen, Sterberaten, sehen Bilder von Katastrophenszenarien in Krankenhäusern. Was auffällt: In Deutschland ist die Zahl der Infizierten zwar recht hoch, doch die Krankenhäuser scheinen die Lage im Griff zu haben, auch sind schon mehr Menschen genesen, als derzeit krank sind. Und dann ist da vor allem diese Zahl: 2,7 Prozent – so hoch ist die Sterberate unter den bestätigten Corona-Infizierten in Deutschland (Stand 16. April).

Die Sterberate ist in Deutschland vergleichsweise tief

Bestätigte Fälle des Coronavirus in europäischen Ländern, nach Status der Patienten (in Tausend)

Tote

gegenwärtig Infizierte

Genesene

050100150200SpanienItalienFrankreichDeutschlandGrossbritannien

Die Zahl der Genesenen stammt aus Medienberichten und kann auch höher sein. Stand: 16. 4. 2020

Quelle: Johns-Hopkins-Universität

NZZ / jkr.

Das ist um ein Vielfaches niedriger als beispielsweise in Italien, Spanien oder Grossbritannien, wo der Anteil der Covid-19-Toten jeweils bei deutlich über zehn Prozent liegt. Schon die «New York Times» hat über diese «German Exception», die «deutsche Ausnahme» gerätselt. All das ist möglich, obwohl die Ausgangsbeschränkungen in Deutschland vergleichsweise locker sind. Die Bevölkerung darf weiterhin in öffentlichen Pärken spazieren gehen, selbst Baumärkte sind offen. In wenigen Tagen dürfen Schulen wieder den Betrieb aufnehmen. 

Auf der Suche nach Erklärungen stösst man auf unterschiedliche Ansätze, vieles ist noch im Ungefähren, die Datenlage spärlich. Diese Woche veröffentlichte der Think-Tank «Deep Knowledge Group» ein viel beachtetes Ranking. Deutschland ist laut dem Londoner Think-Tank in der Corona-Zeit das sicherste Land in Europa und das zweitsicherste der Welt, hinter Israel. In die Bewertung eingeflossen ist ein bunter Strauss an Kriterien: Ausgangsbeschränkungen, das Krisenmanagement der Regierung und eben auch Kriterien, die das Gesundheitssystem betreffen, wie Notfall-Massnahmen oder die Zahl der Corona-Tests. 

Eine spezielle Liebe: Die Deutschen und ihr Kreiskrankenhaus 

Fast 500 000 Spitalbetten gibt es in Deutschland; beispielsweise in Grossbritannien sind es bloss gut 101 000. Tatsächlich gibt es in der Bundesrepublik schon seit Jahren Bestrebungen, diese Zahl zu drücken. Gesundheitsökonomen halten die hohe Dichte an Kliniken für wenig effizient, viele Häuser schreiben rote Zahlen. 2019 veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, in der sie die Reduktion von derzeit knapp 1400 auf deutlich unter 600 Spitäler forderte.

Deutschland liegt bei den Spitalbetten vorne

Spitalbetten je 1000 Einwohner

02468DeutschlandÖsterreichFrankreichSchweizItalienGrossbritannien

Daten von 2017

Quelle: OECD

NZZ / jkr.

Doch mit Schliessungsplänen lassen sich keine Wahlen gewinnen. Die Deutschen und ihr Kreiskrankenhaus – das ist eine spezielle Liebe. Gerade in ländlichen Regionen stellen diese Spitäler die Grundversorgung sicher. Wenn dann doch mal eines schliessen muss, gleicht dies einer mittelschweren Tragödie. Schliesslich wurde man im Kreiskrankenhaus geboren bzw. hat dort geboren, wäre dort gestorben. Wie der Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie, Reinhard Rychlik, beobachtet, verbinden die Menschen in Deutschland mit diesen Kliniken «eine gewisse Tradition und Beständigkeit in der Region». 

In der Corona-Krise erweist sich das als Vorteil. Die Chancen für einen guten Ausgang der Krankheit Covid-19 steigen, wenn Patienten bei einer Verschlechterung ihres Zustandes schnell behandelt werden. Mit Beginn der Pandemie haben die Kliniken die bereits hohe Zahl an Intensivbetten von 28 000 nochmals deutlich auf mittlerweile 40 000 gesteigert. Um die Kapazitäten auszuweiten, wurden nicht dringend notwendige Operationen verschoben. Die Bundesregierung hat den Spitälern zugesichert, sie dafür finanziell zu entschädigen.

Deutschland steht vergleichsweise gut da

Intensivbetten je 100 000 Einwohner

Deutschland (2017)Österreich (2018)USA (2018)Frankreich (2018)Spanien (2017)Italien (2020)Irland (2016)33,928,925,816,39,78,65

Quelle: Statistisches Bundesamt

NZZ / Ht.

Der Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie des Helmholtz-Zentrums in München, Reiner Leidl, hält auch die Vernetzung der Kliniken für einen Grund, weshalb die Bundesrepublik bisher sicher durch die Pandemie steuerte. So gebe es ein zentrales Register, in das die einzelnen Spitäler die Zahl der freien Intensivbetten eintrügen. Derzeit meldet das Register knapp 10 000 freie Betten auf Intensivstationen. Die ungenutzten Kapazitäten sind gross genug, dass Deutschland Patienten aus anderen europäischen Ländern aufnehmen kann. 

Eine handliche Formel für das ungreifbare Virus

Trotzdem, Deutschland solle sich nicht in falscher Sicherheit wähnen. Etwa so lautet die Botschaft, die Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), seit Wochen verbreitet. Das Institut ist in Deutschland für die Bekämpfung von Seuchen zuständig. Regelmässig informiert Wieler die Bevölkerung über die Lage, ringt bei seinen Pressekonferenzen um handliche Formeln für das ungreifbare Virus. Vermutlich spricht allein schon das Naturell des zurückhaltenden Rheinländers dagegen, dass er so etwas wie eine «German Exception» feiern würde. Fragen danach weicht er mit Verweis auf die Datenlage immer aus. 

Vor einigen Wochen lies Wieler aber doch durchblicken, woran es seiner Meinung nach liegen könnte, dass die Sterberate in Deutschland so gering ist. Und das hat erst mal einen Grund, für den er und die Regierung gar nichts können: Die Infizierten in Deutschland sind im Schnitt jünger als etwa in Italien. Das Durchschnittsalter der Erkrankten liegt laut RKI derzeit bei 50 Jahren (Stand 15. April). In Italien beträgt es mehr als 62 Jahre. Das könnte damit zusammenhängen, dass unter den ersten Infizierten in Deutschland viele junge Menschen waren, die sich im Ski-Urlaub infizierten. Wieler verwies darauf, dass nach und nach auch in Deutschland der Altersdurchschnitt der Infizierten gestiegen sei, Altenheime meldeten vermehrt Infizierte.

Was hingegen durchaus auf Wielers Konto geht, ist die hohe Zahl der Corona-Tests. Seit Beginn der Krise liess das RKI mehr als 1,7 Millionen Tests durchführen – nur Südkorea hat flächendeckend intensiver getestet. Ende Februar hatte die tägliche Laborkapazität in Deutschland noch bei gut 7000 Tests gelegen. Mittlerweile werten die Labore rund 100 000 Tests pro Tag aus – und die Bundesregierung will die Kapazitäten nochmals deutlich ausbauen.

Werden Menschen sehr früh nach der Ansteckung und mit nur milden Symptomen getestet, können sie früh unter Quarantäne gestellt werden und ihre Gesundheit besser beobachten. Leidl warnt jedoch vor einer statistischen Verzerrung: Ein höheres Volumen an Tests könne damit verbunden sein, dass die Infektionen zu einem früheren Zeitpunkt beobachtet werden als in anderen Ländern. Das könne bedeuten, dass in früh testenden Ländern die Mortalitätsrate im Verlauf der Epidemie später ansteige als in den spät testenden Ländern.

«Das Händewaschen mit Seife musste man uns nicht erst beibringen»

Doch all die Tests, all die Klinikbetten wären wohl vergebens ohne Massnahmen wie Kontaktbeschränkungen und ohne eine Bevölkerung, die sich auch daran hält. Der Politologe Uwe Jun lenkt daher das Licht auf die Mentalität der Deutschen, die bei der Bewältigung der Krise eine nicht zu unterschätzende Rolle spiele. «Die Deutschen befolgen staatlich gesetzte Regeln stärker als manch andere Nation», sagt Jun. Das zeige sich nun auch in der Corona-Zeit. Gab es am Anfang noch vereinzelt Berichte über Bars, die sich den Regeln widersetzten, kommt die Polizei inzwischen zu dem Schluss, dass sich die Bevölkerung weitgehend an die Regeln halte. Auch nach dem Osterwochenende meldeten die Behörden kaum Verstösse.

Gesundheitsökonom Rychlik beobachtet ausserdem, dass die Deutschen einen ausgeprägteren Sinn für Gesundheit und Hygiene hätten als Menschen in anderen Ländern. «Das Händewaschen mit Seife musste man uns nicht erst beibringen.» Ja, nicht das Klopapier war der erste ausverkaufte Artikel in Deutschland – es waren die Desinfektionsmittel.

Hin und wieder neigen die Deutschen sogar dazu, es mit dem Pflichtbewusstsein zu übertreiben. «Wir spielen manchmal auch Oberlehrer», sagt Rychlik. In Pandemie-Zeiten sieht das dann so aus: Der Nachbar lässt die Corona-Party von der Polizei auflösen, im Internet landen Fotos von kleinen Menschengruppen, die sich in Parks sammeln, im Supermarkt werden die Kunden gebeten, doch bitte genau auf dem Abstandstreifen in der Schlange zu stehen. Nett ist das oft nicht. Jedoch sei es gerade diese Mischung aus Pflichtbewusstsein und dem Hang dazu, den Oberlehrer zu spielen, die sich in der Corona-Krise als hilfreich erweise, sagt Rychlik.

Die Meisterin im Zeitgewinnen

Trotz den weitreichenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens steht die Bevölkerung hinter den Massnahmen der Regierung. Seit Wochen sind die Zustimmungswerte der grossen Koalition hoch – nachdem vor der Krise sogar schon von vorgezogenen Neuwahlen die Rede gewesen war. Bundeskanzlerin Angela Merkel regle die Krise kalkuliert und evidenzbasiert, sagt Jun. Sie wirke glaubwürdig, da sie als Physikerin ohnehin das Image eines faktenbasierten Vorgehens habe. «Da erscheint nichts aus der Hüfte geschossen.» Und Merkel sei eine Meisterin darin, Zeit zu gewinnen. Was man ihr in der Vergangenheit nicht immer gut ausgelegt hat, ergibt in Corona-Zeiten einen Sinn.

Der Blick in die vom Coronavirus stark betroffenen USA zeigt, wie wichtig das Krisenmanagement der Regierung ist. Dort hat Präsident Trump das Problem zunächst heruntergespielt, sich über die Meinung von Experten hinweggesetzt. Nun streitet er sich mit den Gouverneuren um Ausstiegsszenarien. Auch in Deutschland gab es anfänglich Debatten über die Zuständigkeiten von Bund und Ländern. Den öffentlichen Schlagabtausch wie in den USA vermieden aber die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten. Jun hält für einen Vorteil, dass die Bundesländer in Deutschland Spielraum für eigene Regeln haben: «Zentralstaaten wie Frankreich scheinen eher im Nachteil.» Dort gebe es deutliche Unterschiede bei den Hotspots, aber Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lenke trotzdem alles einheitlich von Paris aus, sagt Jun. 

Der Geist der schwarzen Null

Noch etwas kommt Deutschland zugute: Durch den seit Jahren andauernden Aufschwung und das Festhalten an der schwarzen Null kann die Bundesregierung bei den Corona-Hilfen für die Wirtschaft aus dem Vollen schöpfen. Mehr als eine Billion Euro hat die Bundesregierung an Soforthilfen und Krediten mobilisiert. Auch das habe die Akzeptanz der getroffenen Massnahmen in der Bevölkerung erhöht, sagt Jun.

Diese Woche mehrten sich allerdings die Hinweise, dass die ruhige Lage in Deutschland zerbrechlich ist. Der von der Bundesregierung vorgestellte Exit-Plan fiel schon nicht mehr auf dieselbe breite Zustimmung wie die Massnahmen der vergangenen Wochen. Der Weg, der nun vor der Regierung liegt, wird schwieriger zu bewältigen sein. Nichts verzeihen die Menschen weniger, als nach einem schon sicher geglaubten Sieg enttäuscht zu werden.

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Hippasos

https://www.spektrum.de/news/verschwoerungstheorien-zu-covid-19/1722088?utm_source=pocket-newtab

 

Psychologie: »Verschwörungstheoretikern bedeutet es viel, einzigartig zu sein«

Zu Covid-19 kursieren diverse Verschwörungstheorien und Fake News. Ein Grund: »Menschen meinen, für große Ereignisse große Erklärungen finden zu müssen«, sagt der Psychologe Roland Imhoff im Interview.

von Sina Horsthemke

© pixelfit / Getty Images / iStock (Ausschnitt)

Spektrum.de: Wir sollten zunächst die Begrifflichkeiten klären. Was unterscheidet Verschwörungstheorien von Fake News?

Wer an eine Verschwörungstheorie glaubt, ist der Meinung: Einige wenige Menschen mit Macht haben sich geheim verabredet, um etwas zu ihrem Vorteil zu planen, ohne dass die Welt davon erfährt. Fake News sind etwas anderes. Die verbreitet jemand bewusst, um andere zu täuschen. Die Person weiß, dass die Informationen falsch sind, und hat oft ein politisches Motiv. Fake News können Verschwörungstheorien sein, müssen aber nicht. Noch etwas anderes ist die Falschmeldung. Zur Corona-Pandemie gibt es gerade viele. Wer sie weiterleitet, hat keine böse Absicht, sondern weiß es bloß nicht besser.

Wie entstehen Verschwörungstheorien?

Menschen meinen, für große Ereignisse große Erklärungen finden zu müssen. Viele haben eine Abneigung gegen den Zufall – je größer das Ereignis ist, desto stärker. Dass ein Wildtier die Corona-Krise ausgelöst haben soll, ist für manche eine zu popelige Erklärung dafür, dass nun die ganze Welt Kopf steht. Auch wenn das die Wahrheit ist und es eine starke wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, dass Sars-Cov-2 aus einem Tier stammt, scheint die Begründung nicht proportional zu dem Ereignis zu sein. Große Ereignisse erfordern große Erklärungen. Das war schon bei 9/11 so und auch bei dem herbeigeführten Germanwings-Absturz, der sich nun zum fünften Mal jährte.

© mit frdl. Gen. von Roland Imhoff (Ausschnitt)

Roland Imhoff | Der Professor für Sozial- und Rechtspsychologie lehrt und forscht seit 2015 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Verschwörungsmentalitäten sind ein Forschungsschwerpunkt des Psychologen.

Die Terroranschläge am 11. September 2001 hatte das islamistische Terrornetzwerk Al Kaida geplant. Im Fall des Flugzeugabsturzes haben die französischen Ermittler berichtet, dass der Kopilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz brachte. Warum möchten manche Menschen derlei Wahrheit nicht akzeptieren?

Weil Verschwörungstheorien ihnen mehr Kontrolle über die Welt geben, oder zumindest eine Illusion von Kontrolle. Die Betroffenen fühlen sich dann weniger als Spielball. An Verschwörungen kann man schließlich etwas ändern – man müsste ja nur wenigen Schurken das Handwerk legen. Ich möchte jedoch betonen, dass Verschwörungstheorien nicht notwendigerweise falsch sind – sie sind nicht dasselbe wie eine Lüge. Zunächst sind sie lediglich die Vermutung, dass sich Menschen miteinander verschworen haben könnten. Verschwörungstheoretiker per se als Spinner abzutun, ist nicht richtig.

Die Kunst des Widerlegens

Es ist gar nicht so einfach, mit Gerüchten aufzuräumen. Ein zu plumper Versuch – etwa nur durch das Konfrontieren mit Fakten mit Fokus auf der Falschmeldung – erreicht oft das Gegenteil und verstärkt die Weltanschauungen der Verschwörungstheoretiker noch. In drei Schritten verhindern Sie den Bumerang-Effekt:

1. Fakten darlegen

Betonen Sie zuerst die Fakten, nicht die Falschmeldung, damit sie sich nicht weiter verfestigt. Überladen Sie das Gegenüber dabei nicht mit Informationen – wenige Argumente sind stärker als viele. Beispiel: »US-amerikanische Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Sars-Cov-2 nicht im Labor entstand und kein absichtlich manipuliertes Virus ist.«

2. Warnungen platzieren

Wann immer Sie das zu widerlegende Gerücht erwähnen, sollten Sie zuvor eine Warnung platzieren. So weiß das Gegenüber klar, dass als Nächstes eine Falschinformation folgt. Beispiel: »Im Internet kursiert die Falschmeldung, die Chinesen hätten das Virus im Labor gezüchtet, um es als Biowaffe einzusetzen.«

3. Alternative präsentieren

Ein ausgeräumtes Gerücht hinterlässt eine Lücke. Deshalb muss eine alternative Erklärung her. Beispiel: »Die Untersuchungen der Molekülstruktur im Labor haben eindeutig bewiesen, dass das Virus seinen Ursprung in Wildtieren hat. Durch den Kontakt mit einem Schuppentier, wahrscheinlich auf einem Markt, hat sich der erste Mensch infiziert.«

Quelle: »Widerlegen, aber richtig!« von John Cook, University of Queensland, und Stephan Lewandowsky, University of Western Australia

Lässt sich sagen, wie viele Menschen in Deutschland an solche Theorien glauben?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Das Interesse an einfach zu kommunizierenden Prozentzahlen mag groß sein. Leider sind diese jedoch in meinen Augen unzulässige Vereinfachungen komplizierterer Befunde, auch wenn Schätzungen kursieren, dass zum Beispiel 30 Prozent der Menschen in den USA an Verschwörungstheorien glauben.

Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Gefühlte Wahrheit – Von Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien

Wie messen Wissenschaftler das?

Typischerweise fragen sie ab, ob jemand konkreten Verschwörungstheorien zustimmt, etwa: »Die Mondlandung der Apollo hat nie stattgefunden, sondern wurde in einem Filmstudio gedreht.« Die Befragten kreuzen auf einer meist vier- bis siebenstufigen Zustimmungsskala an – von »Stimme gar nicht zu« bis »Stimme voll zu«. Manche Kollegen zählen dann diejenigen, die oberhalb des Mittelwerts antworten, als Zustimmung. Das allein ist eine Vereinfachung.

»Egal, von welcher Verschwörungstheorie jemand überzeugt ist: Er bildet sie sich immer nach dem Zwiebelprinzip«

Sind Menschen aus bestimmten Bildungs- oder Altersgruppen anfälliger?

Fest steht, dass es immer dieselben Typen sind. Bestimmte Motive und die Selbstwahrnehmung sind relevant. Wer eher an Verschwörungstheorien glaubt, dem bedeutet es viel, einzigartig zu sein und etwas ganz Besonderes. Nach dem Motto: »Ihr Schafe glaubt alle die offizielle Version, aber ich durchschaue die Lage und weiß es besser.« Oft neigen jene Menschen zu Verschwörungstheorien, die das Gefühl haben, wenig Kontrolle über ihr Leben zu haben. Verschwörungstheorien kompensieren dieses Empfinden und geben ihnen eine gewisse Kontrolle zurück. Das Alter oder Intelligenz spielen keine Rolle, wohl aber die Bildung – nicht weil gebildete Menschen per se gefeiter sind, sondern weil geringe Bildung häufig verquickt ist mit geringeren Chancen, aktive Kontrolle über seinen Lebensweg ausüben zu können.

Welche Verschwörungstheorien kursieren zur Coronavirus-Pandemie?

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus gibt es zwei große Verschwörungstheorien: Die einen sagen, das Virus sei ein biochemischer Kampfstoff. Die anderen unterstellen, dass die Gefährlichkeit von Covid-19 aus unlauteren Interessen absichtlich aufgebauscht werde, obwohl die Krankheit harmlos sei. Egal, von welcher Verschwörungstheorie jemand überzeugt ist: Er bildet sie sich immer nach dem Zwiebelprinzip, wie wir das nennen. Über die Wahrheit legen Verschwörungstheoretiker schichtweise ihre eigenen Thesen, die erklären sollen, warum die offizielle Version so erzählt wird.

Welche Behauptungen zu Covid-19 derzeit kursieren und was davon zu halten ist, sammeln wir hier für Sie. Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verbreitet sich weltweit«. Montags bis freitags bieten wir zudem ein Corona-Update als Podcast.

Manche streuen die Behauptung, Covid-19 sei nicht schlimmer als eine Grippe und solle von den körperlichen Schäden durch das 5G-Netz ablenken …

Ja. Und wieder andere glauben, das Virus sei absichtlich verbreitet worden. Beide Theorien hängen mit einem problematischen Verhalten zusammen: die erste mit weniger solidarischem und infektionseindämmendem Verhalten, die zweite mit egozentrischem Schutzverhalten.

»Die Menschen vertrauen während der Corona-Pandemie offiziellen Verlautbarungen mehr, als es bisher in Ausnahmesituationen der Fall war«

Was ist das Kurioseste, das Sie je gehört haben?

Es gibt sehr viele extrem sonderbare Verschwörungstheorien. Von denen, die hinreichend kurios und trotzdem verbreitet sind, lassen mich zwei immer wieder den Kopf schütteln: die Flat Earth Conspiracy, die besagt, dass die Erde eine Scheibe wäre, was uns vorenthalten werde. Und diejenige, dass wir von gelbäugigen Eidechsen regiert und kontrolliert würden, die menschliche Hautanzüge tragen.

Es heißt, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, eher bereit sind, die eigenen Interessen mit illegalen Mitteln durchzudrücken. Geht von Verschwörungstheorien also eine Gefahr aus?

Eine vor Kurzem von mir veröffentlichte Studie hat ergeben, dass politischer Extremismus und Gewaltbereitschaft mit dem Glauben an Verschwörungen einhergehen. Warum sich selbst an die Regeln halten, wenn diese Mächtigen es auch nicht tun? Es gibt aber noch ein anderes Risiko: Je stärker jemand an Verschwörungstheorien glaubt, desto weniger unterscheidet die Person die Qualität von Informationsquellen. Das haben unsere Untersuchungen ergeben. Für Verschwörungstheoretiker ist eine Information auf Youtube genauso viel wert wie die Verlautbarungen des Robert Koch-Instituts.

Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum Kompakt: Moderne Seuchen – Infektionskrankheiten auf dem Vormarsch

Es wäre also wichtig, die Medienkompetenz zu stärken?

Ja, einerseits. Andererseits müssen Menschen lernen, bestimmten Quellen auch zu vertrauen. Schließlich wird sich jetzt niemand zu Hause ein eigenes Labor aufbauen und das Coronavirus selbst untersuchen – irgendeiner Quelle müssen wir glauben. Mein Eindruck ist jedoch, dass die Menschen während der Corona-Pandemie offiziellen Verlautbarungen mehr vertrauen, als es bisher in Ausnahmesituationen der Fall war. So bitter das alles ist: Vielleicht ist diese Krise eine Chance, das Vertrauen in die Wissenschaft wieder zu stärken.

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Sina Horsthemke

Sina Horsthemke ist Diplombiologin und arbeitet als Medizinjournalistin in München.

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2020

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sanumen19

wir müssen alle Regeln der Quarantäne einhalten und es wird schnell vorbei sein! nur so kann die ganze Disziplin dieses schreckliche Virus überwinden! verlassen Sie das Haus nicht und befolgen Sie die vorgeschriebenen Regeln! alle Gesundheit und nicht krank unsere lieben Freunde!

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Hippasos

https://www.spiegel.de/panorama/berlin-arabische-clans-sollen-corona-soforthilfen-kassiert-haben-a-4162ed6c-2837-46cc-9b50-8a8426fd2763

Manche wissen halt wie es geht:

 

 

Berlin Arabische Clans sollen Corona-Soforthilfen kassiert haben

Arabische Clans aus Berlin stehen im Verdacht, im großen Stil Corona-Soforthilfen kassiert zu haben. Das Landeskriminalamt ist bei einer ersten Prüfung auf Hunderte Anträge gestoßen, wie SPIEGEL TV aus Ermittlerkreisen erfuhr.

Von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

27.04.2020, 19.05 Uhr

 

 

Am Montag beerdigte der polizeibekannte Rammo-Clan eine Angehörige im Stadtteil Schöneberg. Ein Großaufgebot der Polizei achtete darauf, dass wegen der Ansteckungsgefahr die Corona-Abstandsregeln eingehalten wurden.

Unter den Trauergästen war auch Karim Rammo, der zehnte Sohn der Verstorbenen. Nach Informationen von SPIEGEL TV ermittelt derzeit das Landeskriminalamt (LKA), ob der 36-Jährige zu Unrecht Corona-Soforthilfen bekommen hat. Der Mann ist unter anderem Geschäftsführer einer Firma, die in Berlin eine Flüchtlingsunterkunft betreibt.

Finanzexperten der Polizei hatten Wohn- und Geschäftsadressen von mehreren Großfamilien mit den Daten der Investitionsbank Berlin (IBB) abgeglichen. Es war eine Anfangsrecherche, bei der die Beamten nur wenige Anschriften abfragten, die bereits aus früheren Verfahren aktenkundig waren.

Über 200 Anträge auf Corona-Soforthilfen

Die Trefferdichte verblüffte das LKA. Über 250 Anträge auf finanzielle Hilfe passen zu den wenigen Clan-Adressen. Auch mit der Anschrift des Flüchtlingsheims wurde Geld auf der Homepage der Investitionsbank beantragt. Hier residieren zwei Firmen von Karim Rammo.

Die Polizei kennt die Immobilie seit Jahren, weil sie von einem mutmaßlichen Strohmann aus dem Libanon gekauft wurde. Zu dem möglichen Subventionsbetrug fragte SPIEGEL TV bei Karim Rammos Anwalt an, der aber nicht reagierte.

 

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Guest

Echt jetzt. ? Nein das kann nicht sein. Und wenn, dann war es bestimmt ein Einzelfall. Die Armen haben gedacht das die Corona-Soforthilfe eine humanitäre Wohltätigkeit sei. 

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Tokio_
Am 28.4.2020 um 18:19 schrieb Hippasos:

https://www.spiegel.de/panorama/berlin-arabische-clans-sollen-corona-soforthilfen-kassiert-haben-a-4162ed6c-2837-46cc-9b50-8a8426fd2763

Manche wissen halt wie es geht:

 

 

Berlin Arabische Clans sollen Corona-Soforthilfen kassiert haben

Arabische Clans aus Berlin stehen im Verdacht, im großen Stil Corona-Soforthilfen kassiert zu haben. Das Landeskriminalamt ist bei einer ersten Prüfung auf Hunderte Anträge gestoßen, wie SPIEGEL TV aus Ermittlerkreisen erfuhr.

Von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

27.04.2020, 19.05 Uhr

 

 

Am Montag beerdigte der polizeibekannte Rammo-Clan eine Angehörige im Stadtteil Schöneberg. Ein Großaufgebot der Polizei achtete darauf, dass wegen der Ansteckungsgefahr die Corona-Abstandsregeln eingehalten wurden.

Unter den Trauergästen war auch Karim Rammo, der zehnte Sohn der Verstorbenen. Nach Informationen von SPIEGEL TV ermittelt derzeit das Landeskriminalamt (LKA), ob der 36-Jährige zu Unrecht Corona-Soforthilfen bekommen hat. Der Mann ist unter anderem Geschäftsführer einer Firma, die in Berlin eine Flüchtlingsunterkunft betreibt.

Finanzexperten der Polizei hatten Wohn- und Geschäftsadressen von mehreren Großfamilien mit den Daten der Investitionsbank Berlin (IBB) abgeglichen. Es war eine Anfangsrecherche, bei der die Beamten nur wenige Anschriften abfragten, die bereits aus früheren Verfahren aktenkundig waren.

Über 200 Anträge auf Corona-Soforthilfen

Die Trefferdichte verblüffte das LKA. Über 250 Anträge auf finanzielle Hilfe passen zu den wenigen Clan-Adressen. Auch mit der Anschrift des Flüchtlingsheims wurde Geld auf der Homepage der Investitionsbank beantragt. Hier residieren zwei Firmen von Karim Rammo.

Die Polizei kennt die Immobilie seit Jahren, weil sie von einem mutmaßlichen Strohmann aus dem Libanon gekauft wurde. Zu dem möglichen Subventionsbetrug fragte SPIEGEL TV bei Karim Rammos Anwalt an, der aber nicht reagierte.

 

Mal angenommen, diese „arabischen Großfamilien“ führen 200 bis 250 Firmen hierzulande. Was bitte spricht dagegen staatliche Hilfen zu beantragen, die für die Zeit der finanziellen Engpässe durch Corona gedacht sind und einem evtl zustehen? Trifft Corona diese Familie Remmo weniger, weil sie Remmo heißt? Und selbst wenn im großen Stil Leistungen beantragt wurden, die einem nicht zustehen, wieso geht keiner darauf ein, dass die auszahlenden Stellen die Sachverhalte besser hätten prüfen müssen und Fehler in den Entscheidungen trafen? Der Bericht von Focus ist nichts weiter als die einseitige, polemische Hetze, für die wir empfänglich gemacht werden.

 

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Hippasos
vor 7 Stunden schrieb Tokio_:

Mal angenommen, diese „arabischen Großfamilien“ führen 200 bis 250 Firmen hierzulande. Was bitte spricht dagegen staatliche Hilfen zu beantragen, die für die Zeit der finanziellen Engpässe durch Corona gedacht sind und einem evtl zustehen? Trifft Corona diese Familie Remmo weniger, weil sie Remmo heißt? Und selbst wenn im großen Stil Leistungen beantragt wurden, die einem nicht zustehen, wieso geht keiner darauf ein, dass die auszahlenden Stellen die Sachverhalte besser hätten prüfen müssen und Fehler in den Entscheidungen trafen? Der Bericht von Focus ist nichts weiter als die einseitige, polemische Hetze, für die wir empfänglich gemacht werden.

 

Dann würde ich gern wissen, welche Firmen die arabischen Clans führen. Kannst ja mal recherchieren, wäre mir auch sehr hilfreich.

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geier
vor 19 Minuten schrieb Hippasos:

Dann würde ich gern wissen, welche Firmen die arabischen Clans führen. Kannst ja mal recherchieren, wäre mir auch sehr hilfreich.

Import/Export!

seit jeher! 🤷‍♂️

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Tokio_
vor 53 Minuten schrieb Hippasos:

Dann würde ich gern wissen, welche Firmen die arabischen Clans führen. Kannst ja mal recherchieren, wäre mir auch sehr hilfreich.

Warum müssen wir uns das fragen? Warum können wir nicht erstmal hinnehmen, dass sie auch selbstständig arbeiten können und dem Grunde nach einen Anspruch auf Hilfeleistungen haben. Sei mal dahingestellt mit welcher Art von Selbstständigkeit.
Mir ist schon klar, dass das keine Klosterschüler sind, aber darum geht es nicht. Plötzlich ist es ein Drama, dass ein (Hass)Prediger Sozialhilfe in Anspruch nimmt oder eben wie in diesem Fall diese Großfamilien Coronahilfen beziehen. Wenn ein Sozialstaat solche Hilfeleistungen gesetzlich vorhält, ist es kein Verbrechen diese zu beantragen und bei Bedarf zu beziehen. Frag dich doch bitte mal, warum werden 250 Anträge in irgendeiner Behörde positiv geprüft? 

So eine biedere Pauschalverurteilung von Menschen suggeriert nur in den Köpfen das, was es seit jeher macht: Angst und Hass gegen Araber/Moslems/Islam 

 

 

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Hippasos
vor 1 Stunde schrieb geier:

Import/Export!

seit jeher! 🤷‍♂️

Wahrscheinlich von leichten Damen und bewusstseinserweiternden Substanzen.

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geier
vor 40 Minuten schrieb Hippasos:

Wahrscheinlich von leichten Damen

Ja! Europäische Produkte sind heiß begehrt 

 

vor 43 Minuten schrieb Hippasos:

bewusstseinserweiternden Substanzen.

Wo eine Nachfrage, da ein Angebot 

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Hippasos

https://www.zeit.de/2020/22/coronavirus-sars-cov-2-infektion-epidemie-lockdown-lockerungen

Coronavirus: Drrrringelllingeling

Die Infektionszahlen in Deutschland sinken. Kein Grund zur Entwarnung. Ein Weckruf

Ein Kommentar von Andreas Sentker

19. Mai 2020, 16:53 Uhr Editiert am 21. Mai 2020, 7:04 Uhr DIE ZEIT Nr. 22/2020, 20. Mai 2020 287 Kommentare

Aus der ZEIT Nr. 22/2020

 

 

 

Dieser Leitartikel ist für viele eine Zumutung. Jüngste wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Deutschen immer weniger über Corona lesen wollen. Dass sie die Mahnungen nicht mehr hören, den Warnungen immer weniger glauben können. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt, und mit ihr sinkt die Wahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen, sich mit Covid-19 anzustecken. Statistisch betrachtet kehren wir zurück an den Beginn des Ausbruchs. Das ist eine große gemeinschaftliche Leistung – aber leider nicht das Ende der Geschichte.

Denn dem Virus selbst stehen wir nicht anders gegenüber als bei unserer ersten Begegnung. Wir haben keinen Impfstoff zur Hand und keine verlässliche Therapie. Vier von fünf Infizierten erkranken nur leicht, aber wer der fünfte ist, der mit schweren Symptomen im Krankenhaus behandelt werden muss, kann niemand sicher vorhersagen. Die Statistik bietet dem Individuum wie der Gesellschaft nur trügerische Gewissheit. Denn das Virus ist noch immer da. Und es verbreitet sich, gibt man ihm wieder die Gelegenheit dazu, sehr einfach und sehr schnell.

Bei der ersten deutschen Infektionskette, die eine chinesische Mitarbeiterin beim Automobilzulieferer Webasto am 20. Januar in Bayern ausgelöst hatte, reichte nachweislich eine flüchtige Kantinenbegegnung, die Bitte um einen Salzstreuer, um das Virus weiterzugeben.

In Baden-Württemberg stieß ein 25-jähriger Mann aus Göppingen, der sich vermutlich während des Urlaubs in Mailand infiziert hatte, eine landesweite Kettenreaktion an.

Viele Menschen fragen: War das alles notwendig? Und ist es das noch?

Am Anfang des Ausbruchs in Gangelt, Kreis Heinsberg, stand am 15. Februar ein ahnungslos infizierter Immobilienmakler auf einer Karnevalsbühne, der erst eine Woche später selbst erkrankte. Wo er sich angesteckt hat, ist bis heute unklar. Dass das Virus im Kreis Heinsberg weiter grassiert, ist hingegen sicher: In Hückelhoven hat der Paketzusteller DPD seinen Standort geschlossen und 400 Mitarbeiter in Quarantäne geschickt, weil 80 von ihnen positiv auf das Virus getestet wurden.

Über Sars-CoV-2 weiß die Menschheit heute viel mehr als zu Beginn des Ausbruchs. Manche Erkenntnis macht Mut. Etwa dass Luft und Sonne helfen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Dass Oberflächen weniger gefährlich sind als anfangs gedacht. Dass sich Menschen fast nur in geschlossenen Räumen infizieren.

Andere Erkenntnisse mahnen weiterhin zu großer Vorsicht: Die Übertragung des Virus durch die Luft ist einfacher als ursprünglich angenommen. Sars-CoV-2 vermehrt sich zunächst im Rachen. Man muss nicht husten, um es zu verbreiten, sprechen reicht schon. Menschen sind besonders infektiös, bevor sie ernsthafte Symptome wahrnehmen. Und es mehren sich die Zeichen dafür, dass Covid-19 keine reine Erkrankung der Atemwege ist. Das Virus befällt auch andere Organe, unter anderem Herz und Nieren – und kann womöglich schwere Spätschäden verursachen.

Auch im Nachhinein bestätigen die gewonnenen Einsichten, dass die vorsorgliche Schließung der Republik richtig war. Aber nun zeigen sich die Folgen der Vorsorge: leere Intensivbetten und schwindende Infektionszahlen. Viele anfangs verängstigte Menschen fragen: War das alles notwendig? Und ist es das noch? Präventionsparadoxon nennen Ärzte das Phänomen, wonach eine vorbeugende Maßnahme ein Risiko schwinden lässt – und mit ihm die Motivation, sich selbst und andere zu schützen.

Schon die Dauer einer Pandemie trägt dazu bei. Forscher kennen das von früheren Ausbrüchen: Die flu fatigue, die Grippemüdigkeit, gibt es nicht nur im engen medizinischen Verständnis. Viel gefährlicher ist sie im übertragenen Sinn.

 

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22/2020. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

In Großkampagnen wirbt das Bundesgesundheitsministerium daher für seine "AHA-Formel": Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Viel mehr ist nach all den Lockerungen ohnehin nicht als individuelle Einschränkung geblieben.

Die Warnung vor der einsetzenden Müdigkeit gilt aber vor allem der Politik selbst. Viel zu schnell hat sich Angela Merkel aus der Debatte zurückgezogen und das Alltagsgerangel um Corona-Regeln den Ministerpräsidenten überlassen. Dabei ist es jetzt wichtiger denn je, den Menschen das politische Handeln zu erklären.

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Stern31
vor 13 Stunden schrieb Hippasos:

https://www.zeit.de/2020/22/coronavirus-sars-cov-2-infektion-epidemie-lockdown-lockerungen

Coronavirus: Drrrringelllingeling

Die Infektionszahlen in Deutschland sinken. Kein Grund zur Entwarnung. Ein Weckruf

Ein Kommentar von Andreas Sentker

19. Mai 2020, 16:53 Uhr Editiert am 21. Mai 2020, 7:04 Uhr DIE ZEIT Nr. 22/2020, 20. Mai 2020 287 Kommentare

Aus der ZEIT Nr. 22/2020

 

 

 

Dieser Leitartikel ist für viele eine Zumutung. Jüngste wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Deutschen immer weniger über Corona lesen wollen. Dass sie die Mahnungen nicht mehr hören, den Warnungen immer weniger glauben können. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt, und mit ihr sinkt die Wahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen, sich mit Covid-19 anzustecken. Statistisch betrachtet kehren wir zurück an den Beginn des Ausbruchs. Das ist eine große gemeinschaftliche Leistung – aber leider nicht das Ende der Geschichte.

Denn dem Virus selbst stehen wir nicht anders gegenüber als bei unserer ersten Begegnung. Wir haben keinen Impfstoff zur Hand und keine verlässliche Therapie. Vier von fünf Infizierten erkranken nur leicht, aber wer der fünfte ist, der mit schweren Symptomen im Krankenhaus behandelt werden muss, kann niemand sicher vorhersagen. Die Statistik bietet dem Individuum wie der Gesellschaft nur trügerische Gewissheit. Denn das Virus ist noch immer da. Und es verbreitet sich, gibt man ihm wieder die Gelegenheit dazu, sehr einfach und sehr schnell.

Bei der ersten deutschen Infektionskette, die eine chinesische Mitarbeiterin beim Automobilzulieferer Webasto am 20. Januar in Bayern ausgelöst hatte, reichte nachweislich eine flüchtige Kantinenbegegnung, die Bitte um einen Salzstreuer, um das Virus weiterzugeben.

In Baden-Württemberg stieß ein 25-jähriger Mann aus Göppingen, der sich vermutlich während des Urlaubs in Mailand infiziert hatte, eine landesweite Kettenreaktion an.

Viele Menschen fragen: War das alles notwendig? Und ist es das noch?

Am Anfang des Ausbruchs in Gangelt, Kreis Heinsberg, stand am 15. Februar ein ahnungslos infizierter Immobilienmakler auf einer Karnevalsbühne, der erst eine Woche später selbst erkrankte. Wo er sich angesteckt hat, ist bis heute unklar. Dass das Virus im Kreis Heinsberg weiter grassiert, ist hingegen sicher: In Hückelhoven hat der Paketzusteller DPD seinen Standort geschlossen und 400 Mitarbeiter in Quarantäne geschickt, weil 80 von ihnen positiv auf das Virus getestet wurden.

Über Sars-CoV-2 weiß die Menschheit heute viel mehr als zu Beginn des Ausbruchs. Manche Erkenntnis macht Mut. Etwa dass Luft und Sonne helfen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Dass Oberflächen weniger gefährlich sind als anfangs gedacht. Dass sich Menschen fast nur in geschlossenen Räumen infizieren.

Andere Erkenntnisse mahnen weiterhin zu großer Vorsicht: Die Übertragung des Virus durch die Luft ist einfacher als ursprünglich angenommen. Sars-CoV-2 vermehrt sich zunächst im Rachen. Man muss nicht husten, um es zu verbreiten, sprechen reicht schon. Menschen sind besonders infektiös, bevor sie ernsthafte Symptome wahrnehmen. Und es mehren sich die Zeichen dafür, dass Covid-19 keine reine Erkrankung der Atemwege ist. Das Virus befällt auch andere Organe, unter anderem Herz und Nieren – und kann womöglich schwere Spätschäden verursachen.

Auch im Nachhinein bestätigen die gewonnenen Einsichten, dass die vorsorgliche Schließung der Republik richtig war. Aber nun zeigen sich die Folgen der Vorsorge: leere Intensivbetten und schwindende Infektionszahlen. Viele anfangs verängstigte Menschen fragen: War das alles notwendig? Und ist es das noch? Präventionsparadoxon nennen Ärzte das Phänomen, wonach eine vorbeugende Maßnahme ein Risiko schwinden lässt – und mit ihm die Motivation, sich selbst und andere zu schützen.

Schon die Dauer einer Pandemie trägt dazu bei. Forscher kennen das von früheren Ausbrüchen: Die flu fatigue, die Grippemüdigkeit, gibt es nicht nur im engen medizinischen Verständnis. Viel gefährlicher ist sie im übertragenen Sinn.

 

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22/2020. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

In Großkampagnen wirbt das Bundesgesundheitsministerium daher für seine "AHA-Formel": Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Viel mehr ist nach all den Lockerungen ohnehin nicht als individuelle Einschränkung geblieben.

Die Warnung vor der einsetzenden Müdigkeit gilt aber vor allem der Politik selbst. Viel zu schnell hat sich Angela Merkel aus der Debatte zurückgezogen und das Alltagsgerangel um Corona-Regeln den Ministerpräsidenten überlassen. Dabei ist es jetzt wichtiger denn je, den Menschen das politische Handeln zu erklären.

Danke für die Info.

Es gibt leider immer noch Menschen die das unterschätzen und denken es ist “ja nur eine leichte Erkältung“.

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