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al-raoui

Wie das Leben halt spielt

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al-raoui

Die leere Wohnung erdrückt mich. Ich sitze auf dem Boden gegen die Wand gelehnt. Nur noch einzelne Objekte erinnern an die längst vergangenen Tage. Der Tisch ohne Stühle, die stehengebliebene Uhr, ein Besen in der Ecke. Regungslos schaue ich mir einzelne Ecken in der vereinsamten Wohnung an. Dort saßen wir und aßen. An dieser Ecke begrüßte sie mich immer herzlich. Der blickdichte Balkon von dem aus man den Sonnenuntergang betrachten kann. Von nun soll alles vorbei sein? Keiner hat mir gezeigt, wie ich ab jetzt weitermache. Niemand erklärte mir, wie es sich von nun an anfühlen wird. Die Sonne verschwindet langsam im Hintergrund und die letzten Strahlen dieses Sommerabends blenden mich. Im Unterhemd und mit ungepflegtem Bart sitze ich und betrachte die Scherben meines Lebens. Wie konnte es aber so weit kommen? Die Geschichte beginnt vor etwa 10 Jahren. Eine Geschichte zwischen schwarz und weiß, Deutschland und Marokko, Dummheit und Intelligenz, halal und haram.

Wie oft im Leben begehen Menschen Fehler. Der Unterschied liegt darin, ob ich den Fehler absichtlich begehe, oder ich voller Ahnungslosigkeit in eine unkontrollierte Situation komme. Die Geschichte ist voller Fehler. Jeder begeht Fehler. Ich war ein Vorstadtjunge aus normalen Verhältnissen. Meine Eltern besaßen nicht viel, aber wir kriegten das nie zu spüren. Trotzdem geriet ich teilweise auf die schiefe Bahn. Mir kam es so vor, als lebte ich ein Leben zwischen Moschee und Straße. Ich rauchte und verkaufte Haschisch, klaute und schlug auch zu. Niemals aber schlug ich jemanden ohne Grund. Wir fuhren jedes jahr nach Marokko und es war jedes mal ein Erlebnis. Dieses mal war es aber anders, denn ich lernte Karima vor meinem Urlaub kennen. Karima war ein lebensfroher Mensch. Sie brachte mich immer zum Lachen, weil sie etwas tollpatschig war. Ich verliebte mich schnell in sie und dachte mit 18, dass ich keine andere Frau mehr will. Wenn wir Zeit miteinander verbrachten, dann war diese Zeit sehr intensiv. Sie war nicht besonders religiös, auch wenn sie aus einer religiösen Familie kam. Ihre Offenheit machte aber vieles gut. Dass sie ab und an getrunken hat und auch auf Partys ging erzählte sie mir von Anfang an. Man sah ihr an, dass sie das bereute. Ich lies mich komplett fallen, was sich später vielleicht als Fehler ergeben sollte. Kennt ihr das Gefühl, wenn man abgewiesen wird? Vom einen auf den anderen Tag meldete sie sich nicht mehr, beantworte keine Anrufe und keine SMS. Eine Woche lang war ich verwundert und hatte Sorge ihr sei etwas zugestoßen. Ich fragte ihre beste Freundin nach ihr und sie sagte mir offen, dass sie in ganz normalem Kontakt standen. Nach einer Woche meldete sie sich bei mir und tat so, als wäre nichts gewesen. Das war der Punkt an dem ich anfing Gefühle abzubauen. Wenn das Herz blutet, dann blutet es trocken und unsichtbar.

Heute kann ich über meine damalige Situatione und meinen Gedanken darüber nur lachen, aber damals brach eine Welt für mich zusammen. Sie erkannte aber zur selben Zeit, wie wichtig ich ihr bin. Einige Monate nachdem ich sie kennenlernte fuhren wir wieder nach Marokko. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich sie schon garnicht mehr ertragen. Eine kurze Erklärung hätte vielleicht gereicht. Zwei Sätze zu ihrem plötzlichen Verschwinden. Zur gleichen Zeit war auch Karima in Marokko. Es sollte eine Zeit werden in der sich einiges ändern sollte.

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al-raoui

Der Sommer war da. Die Menschen tummelten sich auf dem Markt und die Straßen waren voll von französisch stämmigen Marokkanern. Der Osten Marokkos hat seinen ganz eigenen Charme. Wir genießten die Zeit mit der Familie. Vor dem Sommer trainierte ich viel und war allgemein sehr auf mein Aussehen bedacht. Nach einigen Tagen war ich braun gebrannt und ich genißete die Aufmerksamkeit der Frauen. Für mich war es zu der damaligen Zeit sehr wichtig. Im Nachhinein kommt man sich doch etwas lächerlich vor. Ich führte eine Art Doppelleben. Draußen genoss ich diese oberflächliche Welt und messte mich daran, wie ich bei den Frauen ankam, zuhause legte ich den Gebetsteppich gen Mekka und saß als vorbildlicher Musterschüler zwischen meinen Eltern. Mal rezitierte ich den Koran und mal hörte ich durch die Straßen fahrend 50 Cent. Das Leben war einfach Paradox. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem wir im Ramadan nach dem Iftar einen Raubüberfall auf einen Supermarkt planten. Wir waren uns sicher, dass wir das erst nach dem heiligen Monat durchführen, weil wir ja noch am Fasten sind. Dieses extreme hin und her in meinem Leben spiegelte mir mein Inneres. Wie jedes Jahr war eine gewisse Zeit für Saidia vorgesehen. Karima war zu dieser Zeit auch am Strand. Wir verabredeten uns in der Nähe voneinander zu sitzen. Ihre Familie war sehr streng, also durften wir uns nicht unterhalten. Sie ging im Bikinioberteil und Shorts ins Wasser, während ihre Familie Mit Kopftuch und langen Gewändern am Strand waren. Mir war es unangenehm, weil mein Bruder mit mir war. Ich schaute ihr beim Schwimmen und machte mir Gedanken. nach diesem Tag kam mir der Entschluss, dass ich diese Frau auf lange Zeit nicht ertragen werde. Die Entscheidung war getroffen: Ich muss es beenden. Mir war klar, dass man so etwas nicht am Telefon macht, so entschied ich mich mich nach dem Urlaub von ihr zu trennen. Nach einem langen und coolen Tag ging ich abends ins Internetcafe. Es war die Zeit, in der man viel über MSN schrieb. Ein Programm, dass in meinem Leben noch eine große Rolle spielte. Ich loggte mich ein und wurde legte ein neues Profilbild fest. Ein Bild vom Strand. Direkt wurde ich angeschrieben: Du auch in Marokko? Es war Ouarda. Ouarda war eine dunkle Schönheit in meinen Augen. Eine bedachte Person. Wir schrieben sehr lange miteinander, bis zu dem Zeitpunkt, als ich mit Karima zusammen kam. Sie war einer der liebsten Menschen, die ich bis heute kennenlernte. Etwas frech, aber immer mit einer anschließenden langen Lache, die dich direkt mitreißt. Wir unterhielten uns oft über die Zukunft. Darüber, dass man irgendwann dieses sinnlose westliche Leben aufgeben will, um ein religiöses Leben im Rahmen der Familie zu führen. Zu unserer damaligen naiven Zeit verbanden wir Religiösität vorallem mit einem Kopftuch, einem Bart und langen Gewändern. Wer hätte Gedacht, welche Rolle einige Menschen noch in deinem Leben spielen werden. Wenn das Herz lacht, so lacht es ehrlich. Ouarda lebte in Westen Marokkos. Bis heute bereue ich den Schritt nicht die Sache mit Karima beendet zu haben, bevor ich mich auf den Weg in den Westen machte. Die nächsten Tage rief mich Karima täglich an, doch ich hatte eine innere Abneigung gegen sie entwickelt. Mir lag es auf den Lippen: Es ist aus! Ich schaffte es aber bei keinem Gespräch. Sie liebte mich sehr und das erdrückte mich. Ich war hin- und hergerissen ihr fair gegenüber zu sein und es am Telefon zu beenden und dem Gedanken, dass sie ein faires Face to Face Gespräch verdiente. Was sollte ich bloß machen? Ich schaltete erstmal mein Handy aus betete mit meinem Vater in seinem Zimmer. Dieses Zimmer hat smaragdfarbene Fliesen und Echtholzmöbel. Es ragt tief in das Haus ein, sodass es sogar im Hochsommer kühl ist. Es hatte schon immer etwas entspannendes, als würde man in eine Dorfmoschee gehen. Während dieses Gebets wurden meine Gedanken ganz klar. Ich verspührte das Bedürfnis zu heiraten und eine Familie zu gründen. Nach dem Taslim schweigten mein Vater und ich für einige Minuten und es kam unkontrolliert aus mir heraus. "Baba, ich will heiraten...". Er verstand mich in diesem Moment nicht und schaute mich nur verwirrt an. "Du bist doch noch zu jung?!". Er lächelte und sagte: in scha Allah. Ab diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass es nur noch Karima für mich gibt. Wieso sich das so plötzlich änderte habe ich bis heute nicht verstanden. Spät in der Nacht traf ich mich dann mit meinem Cousin und wir rauchten einen Joint und tranken einen Nescafé. Man braucht mich nicht zu verurteilen, denn ich bin der erste, der mich verurteilt. Wir beide saßen da und er erzählte mir, dass sein Freund ihm die Schlüssel zu einer Wohnung in Rabat überlassen hat. Wir entschieden uns für 10 Tage nach Rabat zu fahren. Eine Reise, die sich bis heute in meinen Kopf eingebrannt hat. Vielleicht wäre ohne diese Reise vieles in meinem Leben anders verlaufen.

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Auktionsende
vor 39 Minuten schrieb al-raoui:

weiterschreiben?

Ne!

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Guest

Es gibt wohl kaum was attraktiveres als Männer, die ihre Gefühle und Gedanken gut in Worte umsetzen können. Ich bin völlig hin und weg, und freue mich von dir weiter zu lesen. :) 

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al-raoui

Dann schreibe ich am Wochenende weiter.

U99, rege doch lieber die Menschen dazu an zu beten, zu fasten, oder sich Zeit für die Eltern zu nehmen : )

 

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briefkasten

Schreib weiter Araouit....erinnert mich irgendwie an eine andere Story hier, bei der, der Autor einfach aufgehört hat zu schreiben. Wo er wohl steckt....?

Wenn du das auch tust, werde ich den Flughafen in Araouit abfackeln!!!

Dein Nick hat doch was mit der Flughafenstadt zu tun? Wenn nicht, muss ich mir eine neue Drohung ausdenken!

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al-raoui

Al-Raoui ist der Geschichtenerzähler und hat nichts mit dem Flughafen zu tun : )

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briefkasten

So so...ich verstehe. So wie Al Bundy oder so....

Ja, dann muss ich den Al boxen, wenn er mittendrin aufhört. Also überlege es dir gut!

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Guest
vor 7 Stunden schrieb al-raoui:

Al-Raoui ist der Geschichtenerzähler und hat nichts mit dem Flughafen zu tun : )

@briefkasten, habe auch Al arraoui ( Flughafen und meine Heimatstadt )  in Marokko gelesen... 

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al-raoui

 

vor 9 Stunden schrieb CupCake2:

@briefkasten, habe auch Al arraoui ( Flughafen und meine Heimatstadt )  in Marokko gelesen... 

Muss dich leider enttäuschen

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al-raoui

Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg. Im Zug saßen die verschiedensten Menschen zusammen. Ein älterer Herr mit Schurbart, eine kleine etwas ärmlich aussehende Familie, ein Mann im Adidas Anzug und Boxerschnitt mit Narben im Gesicht und ein Mädchen aus Frankreich waren in unserem Zugabteil. Auf meinem MP3 Player hörte ich französischen Rap. Wie immer hatte ich meinen Notizblock dabei und schrieb Texte. Während der Fahrt packte die kleine Familie Brotpakete aus und verteilte sie an uns. Jeder erzählte etwas von sich und man führte interessante Gespräche. Wir lachten zusammen und die ein- oder andere Geschichte brachte uns fast zum Weinen. Der gefährlich aussehende Mann mit Narben im Gesicht verlies mehrere Male unser Zugabteil und kam mit roten Augen und dem starken Geruch von Haschisch wieder zurück. Wir waren mittlerweile sehr offen und der ältere Schnurbart Mann fragte ihr:" Mein Sohn... Wieso machst du sowas? Es ist nicht gut. Du machst dich nur kaputt. Es gibt keinen Grund dafür." Der Mann mit dem Trainingsanzug sagte Worte mit einem Blick über die ich mir noch lange Gedanken machte. "Man Menschen haben Probleme und manche Menschen haben PROBLEME." Er sagte es mit einem Lächeln, dass man ihm ansehen konnte, dass er das Leben für sich schon fast Aufgab. Wenn das Herz schläft, so will es nicht geweckt werden. Man fängt in solchen Momenten an über sich und sein Leben nachzudenken. Was habe ich schon für Probleme? Meine postpubertären Frauenprobleme waren einfach lächerlich. Mein Leben und meine Zukunft waren abgesichert, weil ich die besten Chancen hatte einen guten Job zu kriegen. Ich war gesund und habe eine Familie, die mich liebt. Karima kam mir wieder in den Kopf und ich dachte darüber nach, dass ein Mensch wie er alles dafür geben würden eine hübsche Frau aus Deutschland zu heiraten. Was mache ich jetzt? Gebe ich alles auf? Werde ich es in 10 Jahren bereuen, wenn ich sie auf einer Hochzeit mit Kinderwagen und einem Mann sehe? Dieses fremde Kind in ihrem Arm, dass nie wissen wird, dass ich hätte sein Vater sein können. Das Mädchen aus Frankreich saß mir die ganze Fahrt gegenüber und sprach kein Wort. Sie schaute sich Filme auf französisch an und sagte einfach nichts. Irgendwann fiel ihr Kissen auf den Boden und sie bemerkte es nicht. Ich hob es für sie auf und sie bedankte sich mit einem Lächeln. Es war zwar nachts, aber der Zug war noch ziemlich warm. Die Fahrt war lang und anstrengend. Später stieg eine zweite Familie in den Zug. Eine Familie wollte sich zu uns setzen, aber es war kaum noch Platz. Das Mädchen aus Frankreich setzte sich neben mich, damit die zugestiegene Mutter mit ihrem Kind Platz fand. Der kriminell aussehende Marokkaner nahm liebevoll die Tochter auf den Schoß und der vater blieb im Gang stehen. Ich schaute mit der französsichen Dame ihren Film, auch wenn ich keinen Ton hörte, weil sie Kopfhörer an hatte. Unsere Beine berührten sich öfter und wir saßen Schulter an Schulter. Die Situation war komisch. Ich schrieb an weiter an meinem text und sie schaute aus dem Augenwinkel auf mein Blatt. In diesem Moment bemerkte sie, dass ich aus Deutschland kam. Irgendwann nahm sie die Kopfhörer und fragte mich: "Are you from Germany"? Wir unterhielten uns etwas auf Englisch. Erst dann bemerkte ich, dass sie weder Arabisch, noch Tmazight sprach. Wir unterhielten uns noch bis spät in die Nacht und alle wurden müde. Sie schlief langsam ein und kam mir körperlich immer näher. der Zug wurde leerer und die Familien stiegen aus. Sie legte im Halbschlaf ihren Kopf auf meine Schulter. Ihr Parfum roch noch ziemlich stark und stieg mir in die Nase. Ich wurde schwach und widersetzte mich nicht. In der Dunkelheit und in der Ecke sah uns keiner und wir schliefen beide ein. Im Halbschlaf bemerkte, dass sie sich bewegte und sie küsste mich auf den Hals. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und richtete mich auf, nahm meine Zahnbürste und ging mir in der Toilette die Zähne putzen, machte die Gebetswaschung und verrichtete an einer ruhigen Stelle das Morgengebet. Zurück im Abteil schlief sie wieder. Ich setzte mich auf einen leeren Platz, zog die Kappe runter und schlief mit der Musik von Cheb Khaled ein, bis wir in Rabat ankamen. Mein Cousin, ich und die Franco-Marokkanerin stiegen aus. Sie nahm mein Handy und speicherte ihren Namen ein: Janine. Wir verabschiedeten uns und suchten ein Hotel auf.

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