Zwischen Bildung und Strafe

Zwischen Bildung und Strafe

13. Jul, 2011 von admin in Allgemein

„Das Themenfeld Einwanderung, AuslĂ€nder und KriminalitĂ€t gehört traditionell zu den politischen und ideologischen Minenfeldern des gesellschaftlichen Diskurses. Es polarisiert, kann leicht missbraucht werden und eignet sich wie kaum ein anderes zur politischen Verunsicherung der Bevölkerung“, sagt der Wissenschaftler Frank Gesemann in der wissenschaftlichen Publikation Berliner Forum ­GewaltprĂ€vention und legt den ­Finger Hand in eine offene Wunde.

(iz). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat vor Kurzem in ­ihrer wöchentlichen Internet-Videobotschaft mitgeteilt, dass sie bei der JugendkriminalitĂ€t und Gewalt unter jungen Migranten ein weitaus grĂ¶ĂŸeres Problem sieht als unter deutschstĂ€mmigen Jugendlichen. Viel wichtiger war, dass Mer­kel in diesem Zusammenhang ­darauf hinwies, dass die jugendlichen ­Migranten nicht die gleichen Entwicklungschancen besĂ€ĂŸen wie ihre deutschstĂ€mmigen ­Altersgenossen.

Etwas Wesentliches ließ die Kanzlerin dabei aus den Augen: Es geht in der Diskus­sion nicht um ethnische Kategorien wie „Migrant“ (TĂŒrke, Araber, ­Russe etc.) und „Nicht-Migrant“ (Deutscher). Es geht vielmehr um die Kategorie der sozialen Herkunft, der Schicht- und Milieu­zugehörigkeit sowie der Bildung. Wenn es demnach ein Gewaltproblem unter Jugendlichen geben sollte, dann be­trĂ€fe das in gleicher Weise auch deutsche Jugendliche. Dazu könnten die Zahlen der begange­nen Gewalttaten von deutschstĂ€mmigen Jugendlichen aus sozial deklassierten ­Familien mit denen der Migranten aus dem­selben Milieu verglichen werden. Man wird verblĂŒfft sein, wie sehr sich die Zahlen in „schichtspezifischen Delik­ten“ Ă€hneln. Dr. Christian Walburg vom Institut fĂŒr Kriminalwissenschaften der UniversitĂ€t MĂŒnster, warnt eindringlich vor den oben genannten ethnischen Kategorisierungen und einer Ausblendung der HeterogenitĂ€t/Sozialstruktur der ­TĂ€ter im Hinblick auf KriminalitĂ€t.

Auch der SachverstĂ€ndigenrat deutscher Stiftungen fĂŒr Migration und Inte­gration spricht in seinem ­Jahresgutachten (2010) zwar davon, dass AuslĂ€nder an Ge­walt­taten wie Mord und Totschlag, Raub­­delikten oder gefĂ€hrlichen und schwe­ren Körperverletzungen ĂŒberproportional hĂ€ufig beteiligt seien und Gewaltdelikte ĂŒberproportional hĂ€ufig von Jugendlichen mit Migrationshintergrund verĂŒbt wĂŒrden, relativiert diese Aussage aber durch folgende Passage: „Um die KriminalitĂ€tswerte realistisch ­einschĂ€tzen zu können, mĂŒssten somit reprĂ€sentative Gruppen von Deutschen und AuslĂ€n­dern verglichen werden, die nach ­sozialen und demografischen Faktoren identisch sind.“ Das sei aber derzeit anhand der Da­tenlage - auch der des Bundeskriminalamts (BKA) - gar nicht möglich.

Auch das Maß der Integration spielt eine wichtige Rolle. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) schreibt in ihrem Forschungsbericht 107 („Jugendliche in Deutschland als Opfer und TĂ€ter von Gewalt“), dass tĂŒrkische, arabische und nordafrikanisch-arabische Migrantengruppen durchschnittlich schlechter integriert und gebildet seien. Und da der Stand der Integration und Bildung mit dem Gewaltverhalten in Beziehung stehe, ergĂ€ben sich fĂŒr diese Gruppen erhöhte Gewaltraten. Daher kommen die Autoren der Studie zu folgendem Schluss: Eine bessere Integration und Bildung wĂŒrde die Gewaltbereitschaft senken.

Der Faktor „Bildung“ verdient daher eine genauere Betrachtung. So kommt das KFN zu dem Ergebnis, dass die JugendkriminalitĂ€t in Deutschland in den letzten zehn Jahren, insbesondere bei Migranten gesunken sei. „Die Krimina­li­tĂ€tsprĂ€vention lĂ€uft erfolgreich“, sagt Forschungsleiter Christian Pfeiffer. „Es gibt keinen Anlass, die Gewaltbereitschaft der Migranten als zentrales Problem zu benennen.“

Mit besseren Bildungs­chancen gehe die KriminalitĂ€t von alleine zurĂŒck. Pfeiffer betonte in diesem Zusammenhang: „Nur ein kleiner Prozentsatz der Mi­granten ist gewalttĂ€tig.“ Der Forschungsleiter gibt Beispiele fĂŒr die Stadt Hannover: Hier sei es gelungen, die Mehr­fachtĂ€ter unter jungen TĂŒrken innerhalb von acht Jahren von 15 auf sieben Prozent zu verringern. Dazu ­hĂ€tten zahlreiche Projekte wie beispielsweise kostenlose Nachhilfe oder Mentoring-Projekte beigetragen, wo sich ­freiwillige Mentoren bereit erklĂ€rten, sich um eine hilfesuchende Person (Mentee) zu kĂŒmmern. Durch den Erfahrungsaustausch und den Wissenstransfer mit dem Mentor entwickelt sich zwischen beiden eine vertraute Partnerschaft. Dies stĂ€rkt das Selbstbewusstsein des SchĂŒtzlings und fördert zugleich seine Eingliederung in die Gesellschaft.

Das KFN empfiehlt in ihrem Forschungsbericht 109 („Kinder und ­Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum“) des Weiteren die Teilnahme an Maß­nahmen zur GewaltprĂ€vention, Kompetenz- und Konfliktlösetraining, sowie Projekte, die GesprĂ€che als Arbeitsmethode gebrauchen.

Prof. Dr. Horst Entorf und Philip Sieger weisen in ihrer Studie fĂŒr die ­Bertelsmann Stiftung („Unzureichende Bildung: Folgekosten durch KriminalitĂ€t“) darauf hin, dass die beste PrĂ€ven­tion gegenĂŒber kriminellem Verhalten die Erhöhung der Bildungschancen der Jugendlichen sei.

Die KriminalitĂ€tsstatistiken haben aber per se einen „Haken“. Die Aussage­kraft der polizeilichen Kriminalstatistik wird vom KFN relativiert. Christian Pfeiffer schreibt: „Die Anzeigebereitschaft der jugendlichen Opfer von ­Gewalttaten hĂ€ngt erheblich von der ethni­schen Zugehörigkeit der TĂ€ter ab.“ Junge Migranten hĂ€tten als TĂ€ter ein weit höheres Risiko, sich mit ihren Taten vor Gericht verantworten zu mĂŒssen als ­junge Deutsche. „Sie sind dadurch in allen Bereichen und Statistiken der Straf­verfolgung deutlich ĂŒberreprĂ€sentiert.“ Daher könnte man ­sagen, je unbe­kannter sich Opfer und TĂ€ter zum Beispiel in Sprache oder Herkunft ist, desto grĂ¶ĂŸer ist die Tatkraft, dies anzuzeigen.

Zur Verzerrung der Kriminalstatistik fĂŒhrt auch die Tatsache, dass Menschen auf der Durchreise, Touristen, ­Illegale, Besatzungssoldaten und auslĂ€ndische Angehörige von StreitkrĂ€ften usw. als auslĂ€ndische StraftĂ€ter in der Statistik erwĂ€hnt werden. Außerdem können bestimmte Delikte, wie VerstĂ¶ĂŸe gegen Aufenthaltsbestimmungen, Asylverfahren oder VisafĂ€lschungen nur von AuslĂ€n­dern begangen werden („auslĂ€nderspezifische Straftaten“). Deutsche StaatsbĂŒrger können gar nicht gegen Aufenthaltsregelungen, Asyl- und AuslĂ€nderrecht verstoßen, weil sie Deutsche sind.

Diese verschiedenen Faktoren sollten bei Diskussionen um KriminalitĂ€t bei Migranten nicht außer Acht gelassen werden. Denn das Thema lĂ€sst sich zu leicht von rechte Gruppierungen und anderen „Law & Order“-Populisten missbrauchen.

Quelle: www.islamische-zeitung.de

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3 Kommentare

TabulaRazza

13. Jul, 2011

“Es geht in der Diskus­sion nicht um ethnische Kategorien wie „Migrant“ (TĂŒrke, Araber, ­Russe etc.) und „Nicht-Migrant“ (Deutscher). Es geht vielmehr um die Kategorie der sozialen Herkunft, der Schicht- und Milieu­zugehörigkeit sowie der Bildung. Wenn es demnach ein Gewaltproblem unter Jugendlichen geben sollte, dann be­trĂ€fe das in gleicher Weise auch deutsche Jugendliche.” Und diese Diskussion fast tĂ€glich an deutschen Hochschulen fĂŒhren zu mĂŒssen ist echt zĂ€h und nervenaufreibend! Die sollten es besser wissen! Grrrrrr!!

ULTIMATUM

13. Jul, 2011

So Herr Sarrazin, wie stehen sie denn eigentlich inzwischen zu dieser naja “von ihnen angestifteten Kontroverse” ?
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Frau Merkel hat Ihre eigenen Thesen jedenfalls nicht bestÀtigt !

Luftpumpe

14. Jul, 2011

Dieses dreckige Integrationsgelaber geht mir mittlerweile sowas von auf die Nerven….
Langsam können die sich deren ”Erwartungen auf eine gute Integration” in die Tonne kloppen, ehrlich!
StĂ€ndig Integration hin, Integration her, aber selber provoziert man die nur und stiftet die an und nutzt die aus….. Tfu auf diese heuschlerische Politik!!! DEMOKRATIE aufm Papier, die Wahrheit sieht anders aus…..

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